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Nein, sie haben sich nicht auf die Homepage eines dänischen Architekturbüros verirrt.
Der Name „Theophil (von) Hansen“ ist vermutlich in Österreich bekannt genug, um hier keine große Verwirrung aufkommen zu lassen. Offensichtlich zwar die nordische Abstammung seines Trägers, doch ist er als Architekt des österreichischen Parlaments sowie etlicher anderer wichtiger Gebäude in Wien auch Teil der österreichischen Geschichte geworden.
Vor wenigen Wochen hatte ich Gelegenheit, dieses tolle Bauwerk im Rahmen einer Führung zu besuchen. Eine interessante Erfahrung für Menschen, mit einem Interesse an Politik und/oder Architektur. Sehr empfehlenswert!
Der 1813 in Dänemark geborene Hansen studierte ab 1837 – nach einer Lehrzeit in Wien – in Athen griechische bzw. hellenistische Baukunst und erhielt dort auch erste Bauaufträge. Der Erfolg dieser Bauten führte zu seiner Berufung nach Wien, und damit auch zu ersten Spuren Hansens in den genealogischen Quellen in Wien.
Hansen arbeitete in Wien als Assistent von Ludwig Förster, einem Architekten des Historismus, bei der Erbauung des Arsenals wohl dann auch gemeinsam mit ihm.
Evangelische Heirat in Wien
Dabei dürfte er wohl zwangsläufig dessen Tochter Sophie kennengelernt haben, die er im Jahr 1851 heiratete. Wir finden diese Ehe im Trauungsbuch der Lutherischen Stadtpfarrkirche in Wien.
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Doch seine Frau Sophie Elisabeth verstarb bereits nach halbjähriger Ehe im Juli 1851 – das Sterbebuch vermerkt als Todesursache „Folgen der Entbindung“. Es findet sich allerdings kein Taufbuch-Eintrag eines (ggfs. tot geborenen) Kindes.
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Auch eine Überprüfung der Wiener Totenbeschauprotokolle fördert keinen Hinweis auf ein Kind zu Tage, das gemeinsam mit der Mutter gestorben wäre. Als Todesursache wird hier eine „Gehirnlähmung“ vermerkt.
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Begraben wurde sie, ebenfalls im Sterbebuch vermerkt, am Friedhof St. Marx.
Dieser Friedhof wurde im Jahr 1784, im Zuge der josefinischen Reformen, als Maßnahme einer Seuchen- und Hygieneverordnung in Betrieb genommen um die Friedhöfe aus dem dicht besiedelten Stadtinneren zu verbannen. Zum Zeitpunkt seiner Eröffnung und im Jahre von Mozarts Begräbnis auf diesem Gottesacker war er noch weit außerhalb des Linienwalls gelegen.
Die Katasterkarten, die für Wien zwischen 1817 und 1829 angelegt wurden, zeigen den Friedhof noch weit außerhalb der städtischen Bebauung.
Dementsprechend war auch ein Leichenzug zu diesem Friedhof durchaus ein längeres Unterfangen.
Auch der (auf wien.gv.at bereitgestellte) Stadtplan von 1858 zeigt sowohl das – von Theophil Hansen miterbaute – Arsenal als auch den St. Marxer Friedhof noch außerhalb der Befestigungsanlagen. Dies sollte sich in den folgenden Jahrzehnten rasch ändern.
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Lithografie von Josef Kriehuber
Neben Wolfgang Amadeus Mozart findet sich auf dem St. Marxer Friedhof auch das Grab von Theodor Georg Ritter von Karajan, dem Urgroßvaters von Herbert von Karajan.
Die nächste genealogische Spur Theophil Hansens findet sich dann bereits im Jahr 1891 als sein Eintrag im Sterbebuch derselben Kirche.
Er selbst wurde bereits am Zentralfriedhof begraben, der ab 1874 die fünf stadtnahen Friedhöfe ablösen sollte.
Die Liste der bedeutenden Gebäude Hansens ist lange, neben dem Arsenal sind hier vor allem die Akademie der Bildenden Künste, und die Wiener Börse zu nennen.
Doch sein bedeutendster Bau ist vermutlich das k.k. Reichsratsgebäude, heute besser als Parlament bekannt.
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Wikimedia Commons
Public Domain"
Ahnenforschung in Dänemark
Soviel zum Niederschlag von Hansen in den genealogischen Quellens Wiens. Die Geschichte seiner Vorfahren führt uns nach aber Dänemark, genauer gesagt nach Kopenhagen.
Auch in Dänemark führt der Weg zu den Vorfahren zumeist über die „Kirkebøger“, die kirchlichen Aufzeichnungen. Und genauso wie bei uns ist es daher entscheidend, die richtige Pfarre zu finden, was vor allem in Städten eine mühsame Aufgabe sein kann.
Die Stadt war zur Zeit der Geburt von Theophil Hansen gezeichnet von einem großen Stadtbrand 1795 sowie durch den Beschuss durch englische Kriegsschiffe in zwei Seeschlachten (1801 und 1807). Der Wiederaufbau führte zur Schaffung eines neuen Siedlungsgebietes zwischen der Zitadelle und der Rosenburg – Nyboder.
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Zur Zeit von Hansens Geburts waren aber weder die nahebei gelegene Frederiks-Kirche, noch die St.Pauls-Kirche, die heute mitten in Nyboder steht, fertiggestellt und so finden wir die Taufe von Theophil Hansen in der Holmens Kirke, der Kirche des dänischen Königshauses.
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Wie überall in Europa kann man auch in Dänemark die Tendenz beobachten, dass die Führung der Matriken mit der Zeit ausgeweitet und stärker reguliert wurde. Ab 1814 wurden in Dänemark die Kirchenbücher in Duplikaten gehalten, das sog. „Hovedministerialbog“ und das „Kontraministerialbog“. Davor gab es nur ein einziges Exemplar, „Enesteministerialbog“ genannt. Glücklich wird sich schätzen, wer auch noch ein „Navneregister“ oder ein „Alfabetisk Register“ vorfindet, also einen Index. Dänische Kirkebøger werden zentral vom Danske Rigsarkivet bereitgestellt.
Nordische Namensgebung + Patronyme
Ahnenforschung in der skandinavischen Ländern hat, neben den Spezifika der nordischen Schriftarten, immer auch mit der Namensbildung in diesen Ländern zu tun. Die typische Namensbildung in diesen Ländern erfolgte über den Vatersnamen. Zusätzlich zum Rufnamen wurde dem Vornamen des Vaters die Endung -son/-sen bei männlichen Nachkommen sowie -dotter/-datter bei weiblichen Nachkommen angehängt, wodurch sich Nachname mit jeder Generation änderte.
Peder Jensen ist daher Sohn des Jens. Seine Schwester würde Jensdotter genannt und der Name seines Sohnes Lars wäre Lars Pedersen. Jensen und Petersen sind hier nicht zufällig gewählt, sie gehören zu den häufigsten dänischen Familiennamen.
Ergänzt wurde diese Art der Namensbildung durch Hof- oder Ortsnamen – am Beispiel Norwegens z.B. Berg, Ström, Haugen (Hügel) oder Dal (Tal) – gerne auch ergänzt durch nähere Angaben wie Øvreberg (Oberberg) o.ä.
Die Bildung eines einheitlichen, vererbten Familiennamens wurde in den skandinavischen Ländern nicht gleichzeitig zur Norm. In der Oberschicht begann dieser Prozess in allen Ländern bereits früher, für das gesamte Volk fiel die Einführung aber teils recht unterschiedlich aus. Während Schweden ab 1921 die Bildung von „neuen“ Familiennamen mit Listen an Vorschlägen und zeitweise sogar mit sog. Namensbüros unterstützte wurden diese in Dänemark bereits 1828 gesetzlich vorgeschrieben. Durch die Art der Vorschreibung erhielten weite Teile der Bevölkerung schlagartig gleiche Familiennamen.
Auch in Norwegen wurden Familiennamen letztlich gesetzlich vorgeschrieben, allerdings mit einer Regelung die einen sanfteren Übergang mit mehr unterschiedlichen Namen erlaubte.
Die Namen der Brüder Hansen waren wohl noch Patronyme. Ihr Vater, Rasmus Hansen Braathen, dürfte aus Norwegen stammen1, ihre Mutter wurde im Taufbuch-Eintrag allerdings nicht mehr mit einem Patronym bezeichnet sondern als „Elisabeth Sofie JENSEN“ bereits mit einem „modernen“ Familiennamen.
Volkszählung in Kopenhagen
Die Auflösung von Hansens Taufbuch-Eintrag ist leider sehr bescheiden, zusätzliche Informationen außer der Tatsache der Geburt sind daraus nicht ermittelbar und so wären an sich die Heirat der Eltern oder die Taufe des Bruders die nächsten Zielstationen der Recherche.
Doch das dänische Reichsarchiv bietet weitere Quellen an, die für die Suche verwendet werden können: die Volkszählungsdaten beginnend mit der ersten Folketaelling im Jahr 1769.
Volkszählungen sind ja bereits seit der Bibel bekannt, und sie waren üblicherweise mit fiskalischen (Steueraufkommen) oder militärischen Motiven (Truppenstärken) begründet. Mitte des 18. bis Anfang des 19. Jahrhunderts wurden in fast allen europäischen Ländern Volkszählungen abgehalten (In Österreich die ersten sog. „Seelenbeschreibungen“).
Doch nicht überall stehen diese wertvollen Informationen auch so einfach nutzbar für die Ahnenforschung zur Verfügung wie in Dänemark.
Wie man der nebenstehenden Tabelle entnehmen kann ist der Abdeckungsgrad der einzelnen Jahrgänge recht unterschiedlich.
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Quelle: Danishfamilysearch
Um Informationen zu den Eltern von Theophil Hansen zu finden würden sich die Jahre zwischen 1787, 1801 und 1834 anbieten. Sie decken den Zeitraum vor und nach seiner Geburt ab und alle bieten eine gute Coverage der damaligen Bevölkerung. Und siehe da, im Jahr 1801 finden wir einen interessanten Eintrag. Die „Dansk Demografisk Database“ des Rigsarkivet bietet auch die Möglichkeit einer Haushaltssuche. Und in dieser werden wir fündig, wenn wir nach den Eltern von Theophil Hansen suchen.
Im Bezirk København (Staden) finden wir Rasmus Hansen und Sophie Elisabeth Jensen als Diener und Stubenmädchen im Haushalt des einflußreichen Juristen und Konferenzrates Colbiørnsen, der – wie Hansens Vater – ebenfalls aus Norwegen stammte.
Wikipedia nennt als Geburtsjahr von Hansens Vater 1774, was exakt dem Alter des Dieners Hansen in der Volkszählung entspricht.
Das ist zwar kein Beweis, aber zumindest ein sehr gutes Indiz und eine zusätzliche Ortsinformation über einen möglichen Wohnort.
Wahrscheinlich muss die frühere Geschichte der Vorfahren von Theophil Hansen aber vor allem in norwegischen Quellen erkundet werden. Sein Bruder Hans Christian wurde, ebenfalls Wikipedia zufolge, im Jahr 1803 in Norwegen geborgen, die Heirat der Eltern dürfte daher wohl auch bereits in Norwegen stattgefunden haben.
Dänemark und Norwegen haben eine Jahrhunderte dauernde gemeinsame Geschichte.
Dennoch wäre Familienforschung in Norwegen wohl eine neue Reise und einen neuen Beitrag wert.
Ich finde es lobenswert, dass du nun sogar die Grenzen überschreitest und die Ahnenforschung auf andere Länder ausweitest. Dabei muss ich immer wieder die exakte und professionelle Arbeit hervorheben. Hier ist eine wirklich ernst zu nehmende Forschung vorhanden. Ich genieße auch die Sprache und die interessante Darstellung der Recherchen. Vielen Dank! Weiter so!