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Ein kleiner Artikel im Bezirksblatt der Leopoldstadt, des zweiten Wiener Gemeindebezirkes, erweckte meine Neugier. Sigmund Freud hätte in der Leopoldstadt gewohnt und daher sei auch das Gymnasium hinter dem Max-Winter-Platz nach ihm benannt. Die Berggasse 19 im 9. Bezirk, Wohnung und Praxis des Vaters der Psychoanalyse, ist wohl den meisten in Wien wohnenden Menschen geläufig.
Doch der 2. Bezirk? Mein Interesse war erwacht. Ein Blick auf die Wikipedia-Seite über Sigmund Freud bestätigte sehr rasch die kurze Zeitungs-Notiz und so wuchs das Interesse, einen Blick auf diese Geschichte aus dem Blickwinkel der Ahnenforschung zu werfen.
Wenden wir uns kurz dem Gebiet zu, in dem Freud aufgewachsen ist.
Die Leopoldstadt im 19. Jahrhundert
Der Blick auf die Kataster-Karte aus der Zeit bis 1829 zeigt noch ein Bild, dass dem einer Stadtkarte aus dem 18 Jahrhundert sehr ähnelt. Die Stadt Wien selbst ist stark durch ihre Befestigungsanlagen begrenzt. Die Bebauung der Leopoldstadt erstreckt sich entlang des stadtnahen Donauarmes und rund um einen Ortskern, aus dem die jüdische Bevölkerung mit einem kaiserlichen Patent Kaiser Leopold I. vom 02. August 1669 vertrieben wurde. (Eine Vertreibung, die gegen Ende des 17 Jh. stückweise wieder aufgehoben wurde)
Die Bebauung reichte jedoch nicht weiter als bis zur Rotensterngasse. Der gesamte Bereich zwischen dem Augarten und der „Jägerzeil“ (heute Praterstrasse) bestand aus unbebautem Gebiet. Der „Praterstern“ als Knotenpunkt mehrerer größerer Straßen war damals bereits angelegt, auch wenn er im Wesentlichen von Grünland umgeben war.
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Doch Wien sollte im 19. Jahrhundert eine gewaltige Bevölkerungsexplosion erleben. Zwischen 1830 (401.200) und 1890 (1.430.213) wuchs die Bevölkerung um die unglaubliche Menge von einer Million Einwohnern, was mehr als einer Verdreifachung entspricht. Hauptquelle dieses Zuwachses war der Zuzug aus den Kronländern Böhmen, Mähren und Schlesien.
Erst um die Jahrhundertwende sollte der Geburtenüberschuss die Zuwanderung als Wachstumsmotor ablösen 1) 2) und trotz der vielen Toten des ersten Weltkrieges sollte die Gesamtbevölkerung erst ab dem Jahr 1916 wieder zurück gehen. Eine besondere Dynamik bekam die Zuwanderung ab den Revolutionen des Jahres 1848 und der Aufhebung der Grundherrschaft im gleichen Jahr („Grundentlastungspatent“ vom 07.09.1848).
Der zweite Bezirk sollte als Eingangstor zur kaiserlichen Hauptstadt eine wichtige Rolle in diesem Wachstum spielen. Bereits im Jahr 1838 wurde im Bereich des heutigen Pratersterns der „Kaiser Ferdinands Nordbahn Hof“ eröffnet.
Am 7. April 1837 wurde mit dem Bau am damals noch nicht trockengelegten und unregulierten donauseitigen Rand der Wiener Vorstadt Leopoldstadt begonnen. Bereits am 6. Jänner 1838 wurde der erste k.k. Nordbahnhof eröffnet. Er lag auf einer kleineren Insel in der unregulierten Donau in damals noch landwirtschaftlich genutztem, immer wieder überschwemmtem Gebiet und wurde neben der Forstmeisterallee, der späteren Nordbahnstraße, angelegt. Wenige hundert Meter nördlich des Abfertigungsgebäudes hatte die Bahnstrecke einen Donauarm, das Fahnenstangenwasser, zu überqueren. Wegen der Hochwassergefahr wurde das Areal aufgeschüttet und lag 4,4 Meter über dem Straßenniveau.
Wikipedia: Nordbahnhof
Der 1838 erbaute Bahnhof erreichte rasch die Grenzen seiner Kapazität und so wurde im Jahr 1865 ein neues Gebäude seiner Bestimmung übergeben.
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Im Jahr 1857 zeigt der Stadtplan bereits lose Bebauung über die Verbindungsachse zwischen Augarten und Praterstern hinaus bis zum k.k. Mauthaus am Tabor, dass am damals noch völlig unregulierten Donaustrom lag. Ab dem Jahr 1870 erfolgte mit dem sogenannten „Donau-Durchstich“ die erste Regulierung der Donau. Diese schützte die Gebiete der Leopoldstadt gegen die Donauhochwasser und so finden wir im Stadtplan von 1887 bereits dichte Bebauung im gesamten Gebiet bis zur Nordbahn.
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Bis zur Jahrhundertwende dehnte sich die dichte Bebauung schließlich bis zum regulierten Donauhauptstrom aus.
Die Familie Freud auf dem Weg von Galizien nach Österreich
Sigismund Freud wurde im Jahr 1856 als Sohn des Wollhändlers Jakob Freud und der Amalie Nathanson in der schlesischen Gemeinde Příbor (dt. Freiberg) geboren. Wir finden seine Geburt und die seiner Schwester Anna am Ende des Taufbuches der römisch-katholischen Kirche von Příbor in einer eignen Sektion mit dem Titel „Izraeliten“.
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Freiberg (lat. Priborium, auch Freiberga, mähr. Příbor), liegt an der k.k. Poststraße nach Galizien, auf einem von ND gegen W sich erhebenden, gegen das Bette der vorüberfließenden bei anhaltenden Regengüssen reißenden Lubina steil abfallenden Hügel […]. Sie besteht aus der eigentlichen Stadt und drei Vorstädten […] und zählt insgesammt 580 H.[äuser] mit 4760 katholischen, Mährisch und theilweise auch Teutsch sprechenden E[inwohnern].
Gregor Wolny: Die Markgrafschaft Mähren, topographisch, statistisch und historisch dargestellt.
Band I: Prerauer Kreis, Brünn 1835, S. 171, Ziffer 5).
Die Familie von Sigmund Freuds Eltern sowohl mütterlicher- als auch väterlicherseits kamen aus Galizien. Die Familie seines Vaters Jakob stammte aus Butschatsch, dieser selbst wurde in Tysmenyzja geboren. Seine Frau Amalie Nathanson entstammte einer wohlhabenden Händlersfamilie aus Brody.
Galizien, heute Teil Polens und der Ukraine, war seit der ersten polnischen Teilung im Jahr 1772 Bestandteil des Habsburgerreiches. Gilt schon Polen als eine Region, die immer wieder wechselnden Herrschaften und politischen Begehrlichkeiten ausgesetzt war, so trifft dies vielleicht noch mehr auf Galizien zu. Eine Besiedelung durch deutschsprachige Bevölkerungsgruppen dürfte bereits ab dem 15. Jahrhundert erfolgt sein. Nach der Eingliederung ins Habsburgerreich wurden auch mehr oder weniger gelungene Versuche gestartet, deutschsprachige Handwerker zur Übersiedlung aus der Pfalz, aus Schlesien und aus Böhmen nach Galizien zu bewegen. 3)
Das Resultat der Teilungen von 1772 und 1795 war jedenfalls eine sehr heterogene und wohl auch mäßig stabile und konfliktgeladene Gesellschaft aus Polen, Ruthenen (Ukrainern), Juden, Deutsche, Russen, Armeniern, Ungarn und Roma. Einen Eindruck der Vielfalt gewinnt man aus B. Kuzmanys Dissertation „Die Stadt Brody im langen 19. Jahrhundert“, der ein eigenes Kapitel über die diversen Transkriptionen bei der Verwendung von Eigennamen vorangestellt ist:
Bei Ortsnamen wird, sofern es eine halbwegs gebräuchliche deutsche Form gibt, diese auch verwendet, wie beispielsweise Lemberg, Kiew, Kolomea usw. Ansonsten wird die zum jeweiligen Zeitpunkt in der jeweiligen Stadt offizielle Bezeichnung verwendet. (In Galizien war Ukrainisch zwar ebenfalls eine anerkannte Landessprache, dennoch wird hier die polnische Bezeichnung bevorzugt.) Ein und derselbe Ort kann daher je nach momentaner staatlicher Zugehörigkeit unterschiedlich geschrieben sein. Brodys Nachbarstadt hieß demnach bis zur Dritten Teilung Polens 1795 Radziwiłłów, in russländischer Zeit bis 1918 Radzivilov, in der kurzen Zeit der Westukrainischen Volksrepublik 1918 Radzyvyliv, in der Zwischenkriegszeit als Teil Polens wiederum Radziwiłłów, in sowjetischer Zeit wurde sie in Červonoarmijs’k umbenannt und seit 1993 heißt sie Radyvyliv. Bei der erstmaligen Nennung einer Stadt werden alle üblichen Namen der Stadt in Klammer angegeben, wobei der letzte Klammerausdruck stets die heute offizielle Bezeichnung ist.
KUZMANY Börries, 2008 – „Die Stadt Brody im langen 19. Jahrhundert – Eine Misserfolgsgeschichte?“
Dieses System ist kompliziert – aber es war so kompliziert. Dem Leser / der Leserin soll damit immer wieder vor Augen geführt werde, dass es sich um eine multikulturelle Region handelte, in der viele Sprachen aufeinander trafen. Städte und Menschen hatten unterschiedliche Namen, je nach Sprache in der sie sich gerade bewegten.
Die Region Ostgalizien, Heimat der Freuds und Nathansons, war seit der Teilung Grenzregion zu Russland geworden. Prohibitive Zollregelungen durch Zar Alexander I. ab 1811 und Handelshemmnisse für nichtrussische Kaufleute setzten der Region stark zu, die infolge dessen deutlich an Bedeutung verlor. 4)
Biografien Sigmund Freuds ist zu entnehmen, dass Freuds Eltern nach der Geburt Sigmunds, dessen früh verstorbenen Bruders Julius und seiner Schwester Anna über Leipzig nach Wien zogen. Obwohl seit dem Toleranzedikt Joseph II. aus dem Jahr 1781 die jüdische Bevölkerung (nicht nur in der Religionsausübung) weitgehend gleichgestellt war, war die Lebensrealität auf dem Land in einer deutlich katholisch dominierten Stadt wohl noch eine ganz andere und Freuds Vater Jakob erlebte Übergriffe und Anfeindungen.5)
Die Familie Freud in Wien
Die ersten genealogischen Spuren der Familie Freud in Wien finden sich in den Taufbüchern der Kultusgemeinde Wien mit den Geburten von Freuds Geschwistern Regine (1860) sowie Maria (1861) und Esther Adolfine (1862).
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Diese Geburten sind allerdings im dritten Bezirk registriert und zwar an den Adressen „Weißgärber 3“ und „Weißgärber 114“. Erst die Geburten von Regine Pauline (1865, Pillersdorfgasse 5) sowie Alexander Gotthold Ephraim (1866, Pfeffergasse 1) sind im zweiten Bezirk zu verzeichnen. Beide Adressen liegen im heutigen Karmeliter-Viertel, dem Zentrum des zweiten Bezirks. (siehe Grafik)
Sigmund war bei der Geburt des Bruders 10 Jahre alt und besuchte das erst 1864 gegründete Communal-Gymnasium Leopoldstadt in der Taborstraße. Dort sollte er im Jahr 1873 maturieren. Seine Schulbildung erfolgte also keine 100 Meter entfernt vom Wohnort von Johann Strauss (Sohn).
Der heutige Standort des Sigmund-Freud Gymnasiums liegt im Stuwerviertel in der Nähe des Praters. Zur Zeit Sigmund Freuds war dieses heute dicht besiedelte Gebiet als „Großes Feuerwerksmais“ allerdings noch fast gänzlich unverbautes Grünland.
Die für das Stuwerviertel beim Wien Prater namensgebende Familie Stuwer (Johannes Georg Stuwer bis Urenkel Anton Stuwer junior) veranstaltete auf dieser Fläche zwischen 1774 – 1876 Feuerwerke, die wohl auch die Familie Freud erlebt haben wird. Dazu wurden eine Holzkonstruktion zum Abfeuern sowie eine Galerie zum Betrachten von Feuerwerken für das p.t. Publikum errichtet.
![Der Feuerwerks-Platz im Prater. Enthalten in: Sammlung von Aussichten der Residenzstadt Wien von ihren Vorstädten und einigen umliegenden Oertern = Collection de vues de la Ville de Vienne, de ses Fauxbourgs, et quelques Environs / gezeichnet und gestochen von Karl Schütz und von Johann Ziegler. Vienne: Artaria [1779-1784]. 36 Blatt und 69 Kupferstiche. Wienbibliothek im Rathaus, Druckschriftensammlung, D-86770](https://meinevorfahren.at/wp-content/uploads/2024/02/Feuerwerksplatz-1024x783.webp)
(gezeichnet und gestochen von Karl Schütz und Johann Ziegler. )
Nach einem ausgedehnten Medizinstudium, einem einjährigen Militärdienst sowie einer Beschäftigung als Assistenzarzt an einem Universitätsklinikum wandte sich Freud schließlich der Neurologie zu und erreichte im Jahr 1885 mit seiner Habilitation die Ernennung zum Privatdozenten.
Im gleichen Jahr absolvierte der frischgebackene Dozent eine sechsmonatige Studienreise nach Paris und Berlin.
Nach seiner Rückkehr war die Zeit reif für Veränderungen. Im Jahr 1886 kehrte Sigmund Freud dem zweiten Bezirk den Rücken und eröffnete seine erste Praxis in der Rathausstraße 7.
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Im Herbst desselben Jahres heiratete er seine Verlobte Martha Bernays, Enkelin eines Hamburger Oberrabbiners. Freud hatte vier Jahre an der Verbesserung seiner finanziellen Lage gearbeitet um die Ehe auf eine „standesgemäße“ Basis stellen zu können. Martha brachte nach ihrer Übersiedlung in Wien zwischen 1887 und 1895 sechs Kinder zur Welt und sie besaß wohl ein außergewöhnliches Organisationstalent, mit dem sie ihrem Mann trotz einer wachsenden Kinderschar ein ruhiges Arbeiten ermöglichen konnte. 6)
Es sollte nach der Heirat noch bis ins Jahr 1891 dauern, bis die Familie Wohnung und Praxis in der heute weltbekannten Adresse Berggasse 19 im neunten Bezirk bezog.
Aus Sicht der Ahnenforschung ist die Hochzeit interessant, weil sie offiziell im Standesamt und erst am Tag danach in einer rituellen Zeremonie vollzogen wurde. Ein großer Teil der deutschen Staaten hatte zu dieser Zeit die Standesführung bereits in staatliche Hand übernommen und Standesämter eingeführt – ein Schritt der in Österreich noch in weiter Ferne lag.
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Nachdem Freuds Werke in Deutschland bereits im Jahr 1938 Teil der Bücherverbrennungen waren, war Sigmund Freud die drohende Gefahr durch den Nationalsozialismus wohl bewusst. Den österreichischen Faschismus hielt er jedoch für weniger gefährlich und so sollte es bis zum Anschluss im März 1938 dauern ehe die Emigration vorbereitet wurde. Nach einer versuchten Beschlagnahme von Kunst und Antiquitäten sowie einer knapp abgewendeten Verhaftung emigrierte er schließlich im Juni 1938 mit Frau Martha, der Tochter Anna und der Haushälterin Paula Fichtl nach London. 7)
Freuds in Freiberg geborene Schwester Anna sowie der Bruder Alexander sollten die einzigen nicht mit ihm Geflohenen bleiben, die den Holocaust überlebten. Die Ausreise der jüngeren Schwestern Regine Debora (Rosa), Marie (Mitzi), Esther Adolfine (Dolfi) und Pauline Regina (Paula) nach Frankreich, die für den Herbst 1938 geplant war, gelang nicht mehr. 8)
Sie alle wurden zwischen September 1942 und dem Frühjahr 1943 in Konzentrationslagern im Osten ermordet.
Der zweite Bezirk als Wiener Eingangstor
Die Familie Freud sollte nicht die einzige seine, die sich zumindest am Beginn ihres Aufenthalts in Wien im zweiten Bezirk ansiedelte und aus der zumindest ein Mitglied im Laufe seines Lebens zu Bekanntheit oder gar Berühmtheit gelangte.
Unter Kaiser Ferdinand II. war die jüdische Bevölkerung Wiens 1624 aus der Stadt in das Gebiet des zweiten Bezirkes vertrieben worden. Knapp 50 Jahre später erfolgte 1670 die erneute Vertreibung durch Leopold I., der an Stelle des niedergebrannten Tempels die Kirche St. Leopold im sog. „Werd“ errichten ließ.
Doch bereits unter Leopold I. erfolgten erste Rücknahmen der Vertreibung und so erfolgte im 18. Jahrhundert unter Maria Theresia eine erneute Besiedelung des nun Leopoldstadt genannten Bezirkes durch die jüdische Bevölkerung.
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Mit den Toleranzpatenten Josef II. (1781) und vor allem der Aufhebung der Grundherrschaft im Jahr 1848 entfielen weitere Beschränkungen und so stieg – auch gefördert durch den Zustrom an neuen Bewohnern aus den Kronländern, die mit der Nordbahn einlangten – der Anteil der jüdischen Bevölkerungsgruppe deutlich an. 9)
Das Anwachsen der jüdische Gemeinde ließ auch die Nachfrage nach Gotteshäusern ansteigen und so wurde 1854-1858 in der Nähe des Donaukanals durch den Architekten Ludwig Förster der Tempel Leopoldstadt errichtet. Förster war der Schwiegervater von Theophil Hansen, dessen Werk und Vorfahren ich einen eigenen Beitrag gewidmet habe: Theophil Hansen – Arkitekten af det østrigske parlament
In den Matriken der Kultusgemeinde finden wir im zweiten Bezirk etliche Namen aus Kunst und Wissenschaft – manche davon könnten annähernd zeitgleich mit Freuds Geschwistern die Schulbank gedrückt haben.
Die Herkunft der Familie Nathanson, also von Freuds Mutter, aus dem ostgalizischen Brody wurde bereits erwähnt. Im gleichen Ort wurde im Jahr 1894 der Schriftsteller Joseph ROTH geboren. Nach einem kurzen Intermezzo in Lemberg immatrikulierte er 1914 an der Universität Wien. Obwohl er pazifistisch eingestellt und nicht kriegstauglich war, meldete er sich freiwillig zum Militärdienst, den er großteils in Galizien leistete. Er sollte später nach Berlin auswandern, heiratete dennoch in Wien und verstarb schließlich in Paris. 10)
Bereits in der Leopoldstadt geboren wurde die Atomphysikerin Lise MEITNER. Ihre Vater -ein Rechtsanwalt, zum Zeitpunkt der Trauung „Advocatursconcipient“ – stammte aus Mähren, ihre Mutter aus Ungarn. Aus der Trauungsurkunde der beiden wird ersichtlich, wie schwierig es sein kann, die Linie der Vorfahren zu verfolgen wenn die Ortsangaben unpräzise oder gar fehlend sind.
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Während die Ortsangabe Všechovice bei ihrem Vater relativ rasch zum richtigen Ort führt ist das bei der Mutter mit der Angabe „aus Nowak in Ungarn“ erheblich schwieriger. Auch die Einträge in den Geburtsbüchern sind hier nicht erhellender, obwohl es genügend davon gab. Lise Meitner war eines von acht Kindern, die in der Kaiser Josefstraße 27 bzw. später in der Praterstraße 15 geboren wurden. Doch mehr als den Namen der Mutter, Hedwig SKOWRAN, findet man in keinem der Geburtsbuch-Einträge. Bei vielen böhmischen oder mährischen Ortsnamen genügt es, sie im Internet oder in Google Maps zu suchen. Anders bei Nováky (ungarisch Nyitranovák – bis 1882 Novák), einer Stadt in der Slowakei. Aufgrund der Gleichheit mit dem Nachnamen ist es hier ein wenig schwieriger, zum Ziel zu kommen.
Der zweite Bezirk schien ein gutes Pflaster für Physikerinnen gewesen zu sein, denn hier wurde am 29.04.1894 auch die spätere Physikerin Marietta BLAU als Tochter eines „Hof- und Gerichtsadvokaten“ geboren.
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Marietta Blau zählte zu den Pionierinnen der Kernphysik. In der Zwischenkriegszeit forschte sie an der Schnittstelle von Atomphysik und Fotografie und erarbeitete eine Methode zum Nachweis einzelner Teilchen. 11)
Doch deutlich häufiger als Physiker und Physikerinnen findet man Schriftsteller im zweiten Bezirk:
Alfred POLGAR, wurde hier am 17.10.1873 unter dem Namen Alfred Polak geboren. Ebenfalls im Geburtsbuch-Eintrag zu finden: Die Bestätigung der k.k. NÖ Statthalterei über die Erlaubnis zur Namensänderung von Polak auf POLGAR.
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Der Vater kam aus Lipník nad Bečvou, einer mährischen Kleinstadt in der Nähe von Hranice, nur 50km von Sigmund Freuds Geburtsstadt Příbor entfernt während die Mutter aus „Pesth“, also Ungarns Hauptstadt Budapest, stammte. Dieses mährisch-ungarisches „Cross-Over“ eines Paares aus unterschiedlichen Ecken des Kaiserreiches, das sich in Wien fand, war mit Sicherheit keine Seltenheit. Die Trauung der Eltern fand noch in Wien-Fünfhaus statt, während Alfred bereits im zweiten Bezirk zur Welt kommen sollte. Polgar besuchte das Leopoldstädter Communal-Gymnasium – 10 Jahre nachdem Sigmund Freud dort maturiert hatte.
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Die Vertreter der Wiener Moderne
Alfred Polgar wird zum Kreis der überwiegend jüdisch-stämmigen Wiener Kaffeehausliteraten gerechnet, die in der Zeit des Fin de siècle die kulturelle Blüte der Wiener Moderne entscheidend prägten. In den Wiener Cafés – allen voran das Café Griensteidl und das Café Central – trafen sich Peter Altenberg, Hermann Bahr, Hermann Broch, Hugo von Hofmannsthal, Karl Kraus, Anton Kuh, Robert Musil, Josef Roth, Arthur Schnitzler, Friedrich Torberg, Franz Werfel und noch andere.
Die Wiener Moderne war nicht auf die Literatur beschränkt. Ihr – und wohl auch dem Kaffeehauspublikum – gehörten auch Maler wie Gustav Klimt, Egon Schiele und Oskar Kokoschka, die Architekten Adolf Loos und Otto Wagner und Komponisten wie Franz Lehár und Alban Berg an – und mittendrin als Gastgeberin künstlerischer Salons, Muse, Geliebte und/oder Ehefrau Alma Mahler-Werfel.
Ich habe für diesen Beitrag die Betrachtung der sehr fokussierten Personengruppe „Prominente mit Vorfahren im k.&k. Reich, geboren oder aufgewachsen im zweiten Bezirk“ gewählt. Doch schon ein Verzicht auf die Einschränkung zweiter Bezirk hätte die Menge der Größen aus Musik, Literatur, Malerei und Architektur so enorm gesteigert, dass ein Versuch, ihren genealogischen Spuren nachzugehen, zur Mammut-Aufgabe geworden wäre. Ein Großteil der oben Genannten war jüdischer Abstammung und hatte Wurzeln in Böhmen, Mähren oder Ungarn.
Alfred Polgar hätte wohl gar nicht so häufig das Café Central besuchen müssen – zumindest Egon FRIEDELL, mit dem er zwischen 1908 und 1910 sehr eng zusammen arbeitete 12), und Peter ALTENBERG hätte er auch im zweiten Bezirk treffen können. Auch Egon Friedell wurde unter anderem Namen geboren – er hieß bis 1916 Egon Friedmann.
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Ein weiterer Vertreter der Wiener Moderne wurde am 15.05.1862 ebenfalls im zweiten Bezirk geboren: Arthur SCHNITZLER. In seinem Eintrag im Geburtsbuch scheint als Adresse „Leopoldstadt 525“ auf und die Praterstraße wurde damals wohl noch als Jägerzeile benannt. Doch schon im Stadtplan von 1887 ist die Adresse als „Praterstraße 16“ zu finden.
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Sein Geburtshaus lag damit unweit des Leopoldstädter Theaters, das später auch als Carl-Theater bekannt werden sollte und die wirtschaftliche Entwicklung der Familie passt exakt zur Vorstellung des zweiten Bezirkes als möglichem Sprungbrett zu „vornehmeren“ Gegenden Wiens:
Dem aus Ungarn hergezogenen Vater gelang unter anderem als Arzt für die bekanntesten Schauspielerinnen, Schauspieler, Sängerinnen und Sänger der berufliche Aufstieg, mit dem auch die Übersiedlung in den 1. Wiener Gemeindebezirk in ein Haus vis-à-vis der Oper einherging.
Wikipedia: Arthur Schnitzler
…und zum Schluss noch einen Nestroy
Das Leopoldstädter Theater war jedenfalls die Arbeitsstätte eines Künstlers, der nur bedingt in die Erzählung vom sozialen Aufstieg aus dem zweiten Bezirk passt. Johann NESTROY wurde 07.12.1801 als Spross einer bereits wohlhabenden Familie in der Bräunerstraße im ersten Bezirk geboren13). Die Wurzeln im weiten Habsburger-Reich gab es allerdings auch hier. Der Vater, ein Jurist, stammte aus dem mährisch-schlesischen Komorau (Komárov bei Opava). Nach internationalen Engagements in Amsterdam, Lemberg, Brünn und Preßburg bekam Johann Nestroy ein Engagement von Direktor Carl Carl am Theater an der Wien, der ab 1838 auch das Theater in der Leopoldstadt übernahm, worauf Nestroy auch für dieses Haus schrieb und spielte. 14)
Einen interessanten Bezug zur Ahnenforschung bietet uns Johann Nestroy noch bei seinem Ableben. Nachdem er in Graz verstorben war finden wir spannenderweise einen Sterbebuch-Eintrag im Sterbebuch 6 der Pfarre St. Nepomuk im zweiten Bezirk mit dem Verweis auf sein Ableben in Graz und dem Vermerk: „eingelagert und beerdigt im Ortsfriedhof Währing“.
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(1) Wikipedia: Demografie Wiens – vor 1918
(2) OTS – Rathauskorrespondenz 2000
(3) www.galizien-deutsche.de
(4) KUZMANY, Börries, 2008 – „Die Stadt Brody im langen 19. Jahrhundert – Eine Misserfolgsgeschichte?, p. 82
(5) vgl. ALT, Peter-André, 2016 – Sigmund Freud: Der Arzt der Moderne, Kap. 1
(6) vgl. ALT, Peter-André, 2016 – ebd.
(7) Wikipedia: Sigmund Freud
(8) Wikipedia: Familie Freud
(9) vgl. Geschichte_der_Juden_in_der_Wiener_Leopoldstadt
(10) Wikipedia: Joseph Roth
(11) Wien Geschichte Wiki – Marietta Blau
(12) Wien Geschichte-Wiki – Egon Friedell
(13) wien.gv.at – Stadtspaziergang
(14) Wikipedia: Johann Nestroy
Ich war ein yleopoödstädter Kriegskind aufgewachsen am tabor und in die Volksschule verei nsgasss gegangen. Mein Vater ist in der Haidgasse geboren und dort aufgewachsen. Das Gssthaus zum weißen Lamm ist von den bomben zerstört worden. Ich habe davon ein Bild an der wand hängen.