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Das Neujahrskonzert
Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker darf wohl als eine österreichische Institution bezeichnet werden. Mit ca. 50 Mio. Zusehern und Zuseherinnen aus 90 oder mehr Ländern stellt es einen der bedeutendsten Kulturexporte unseres Landes dar.
Der Ursprung dieses Konzerts fällt in den düstersten Abschnitt der Geschichte Österreichs und des Orchesters. Inmitten von Barbarei, Diktatur und Krieg, in einer Phase ständigen Bangens um das Leben einzelner Mitglieder oder deren Angehöriger setzten die Philharmoniker am 31. Dezember 1939 einen ambivalenten Akzent: Der Reinertrag eines der Strauß-Dynastie gewidmeten außerordentlichen Konzerts unter der Leitung von Clemens Krauss wurde zur Gänze der nationalsozialistischen Spendenaktion „Kriegswinterhilfswerk“ gewidmet. 1941 wurde die Philharmonische Akademie „Johann Strauss-Konzert“ am 1. Jänner veranstaltet und inmitten des Krieges von vielen Menschen als „echt wienerisches Freudenfest“ verstanden, aber auch von der nationalsozialistischen Propaganda im „Großdeutschen Rundfunk“ vereinnahmt
Tradition und Geschichte – Die Wiener Philharmoniker
So gibt sich die Homepage der Philharmoniker redlich Mühe, den klar nationalsozialistischen Kontext der Entstehungsgeschichte nicht zu beschönigen, ihn aber auch nicht in der schonungslosen Direktheit zu offenbaren, die man z.B. auf der Wikipedia-Seite über das Neujahrskonzert nachlesen kann.
Der Fokus des Konzertes liegt stark auf der Musik der Familie Strauss. Dies geht einerseits stark auf den ersten Dirigenten Clemens Krauss zurück, andererseits wohl auch auf die Zielsetzung der Nationalsozialisten, mittels gefälliger Unterhaltungsmusik in Kriegszeiten die Moral in der Heimat hochzuhalten.
Die Familie Strauss bildet den Konnex zu einer zweiten österreichischen Tradition: dem Opernball. Sie bietet uns auch aus Sicht der Ahnenforschung jede Menge interessantes Material. Dieser in musikalischer Hinsicht für Wien und Österreich so prägenden Familie widmet sich dieser Beitrag: Alles Walzer! Johann Strauss und der Opernball.
Traditionsreiche Institutionen haben manchmal eine recht überschaubare Bereitschaft zu Veränderung und Wandel. Doch im heurigen Jahr gibt das Neujahrskonzert ein Debut zum Besten.
Mit dem Ferdinandus-Walzer (op.10) präsentierten die Philharmoniker unter dem Dirigat von Riccardo Muti erstmals in der Geschichte des Neujahrskonzertes das Werk einer Komponistin und Musikerin – der zum Zeitpunkt der Schaffung des Werkes 12-jährigen Constanze Therese Adelheid Geiger.
„Wunderkind“ und Universaltalent
Am 16. Oktober 1835 wurde Konstantine Adelheid Theresia (so weist sie das Taufbuch ungeachtet späterer Namensschreibungen aus) als Tochter des Komponisten Joseph Geiger und der Hofmodistin und Hutmacherin Theresia Rziha geboren.
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Joseph Geiger war nicht nur Komponist sondern auch Musiklehrer des späteren Kaisers Franz Joseph. Constanze schien vom Vater erhebliches musikalisches Talent geerbt zu haben, sie galt als Wunderkind und wurde entsprechend nicht nur gefördert sondern auch vermarktet.
Der Vater, „geprüfter Tonkünstler und Organist, gebürtig zu Fischamend im V U WW (Viertel unter dem Wiener Wald)“ hatte drei Jahre vor Constanzes Geburt Theresia Rziha, ihres Zeichens „Putzarbeiterin allhier“ geheiratet.
Die Trauung der Eltern fand in der Peterskirche statt und damit im Pfarrbezirk der Braut, die an der Adresse Bauernmarkt #589 wohnte. Die Geburt der Tochter ist an der Adresse Bauernmarkt #575 verzeichnet, in einem direkt an den Petersplatz angrenzenden Gebäude.
Mit sechs Jahren gab sie ihre ersten Pianokonzerte, ab ihrem neunten Lebensjahr machte sie mit eigenen Kompositionen auf sich aufmerksam. Schon im Jahr 1844 wurde ihr op.1 bei Anton Diabelli gedruckt und verlegt. 1845 erregte sie mit einer Preghiera für Militärmusik, die vom Artillerie-Musikcorps in der Kirche der Rennweg-Kaserne aufgeführt wurde, einiges Aufsehen. Positives, weil das Werk des jungen Mädchens gefiel und bewundert wurde, aber auch negatives, weil die Komposition von Militärmusik für eine Frau, geschweige denn ein Mädchen, als „unschicklich“ galt.
Ähnlich wie Wolfgang Amadeus Mozart mit Vater Leopold ging auch sie schon als Mädchen auf Konzertreisen. 1847 unternahm sie mit ihrem Vater eine Reise nach Paris und London, wofür sie den „Abschieds-Walzer“ komponierte, der unter anderem auch von Johann Strauss (Sohn) aufgeführt wurde. Nicht nur Wien, auch die Pariser Musikwelt war begeistert.
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Une charmante enfant de neufans, jeune pianiste qui quitte sa poupée pour se mettre au piano, vient d’arriver de Vienne. Nous avons entendu ma demoiselle Constance Geiger; nous avons vu des valses et même un Ave Maria de sa composition,et il est juste et facile de prédire un très grand avenir à cette enfant merveilleusement douée par la nature.
Ein reizendes neunjähriges Kind, eine junge Pianistin, die ihre Puppe verlässt um sich selbst ans Klavier zu setzen, ist gerade aus Wien eingetroffen. Wir haben das Fräulein Constance Geiger gehört, wir haben Walzer und sogar ein Ave Maria von ihr gesehen, und es ist richtig und leicht, diesem von der Natur wunderbar begabten Kind eine sehr große Zukunft zu prophezeien.
1848 folgte eine weitere Auszeichnung: Kaiserin Maria Anna von Österreich nahm die Widmung ihrer Komposition „Ave Maria“ an.1)
Die Familie Geiger war mit der Familie Strauss gut bekannt. Johann Strauss (Vater) widmete Constanze 1845 sein op. 177, die Flora-Quadrille. Etliche ihrer Kompositionen wurden von Strauss Vater und Sohn aufgeführt und so entwickelte sich eine freundschaftliche Beziehung über viele Jahre.
Zwischen Begeisterung und Spott
Ab den 1850er Jahren ergänzte sie Komposition und Klavierspiel auch durch Auftritte als Schauspielerin. Die junge Frau trat hier auch als Pianistin auf und präsentierte dabei u. a. eigene Kompositionen. Sie gastierte damit auf weiteren Reisen u.A. in Krakau (1854), Berlin (1858), Hamburg (1859) und Frankfurt a. M. (1860). 2)
Nicht nur in ihrer Heimatstadt wurde sie immer mehr als Universal-Talent geschätzt.
Doch die musikalische Rezeption Constanzes war zu ihrer Zeit durchaus zwiespältig. Eine Anerkennung als „große“ Komponistin blieb ihr verwehrt – und das sicher nicht nur, weil sie keine „großen“ Orchesterwerke wie Sinfonien, Sonaten oder Opern schrieb sondern sicherlich auch, weil sie eine Frau war. Dennoch erreichte sie erhebliche mediale Prominenz. Von beinahe andächtiger Würdigung ihres kindlichen Talentes bis hin zu Spottgedichten sind sehr unterschiedliche Reaktionen dokumentiert. Vor allem der Herausgeber der satirischen Zeitschrift „Der Humorist“, Moritz Gottlieb Saphir, nahm das „Wunderkind“ und seine, in mancher Augen über die Maßen auf die Karriere des Sprösslings bedachte, Familie aufs Korn.
Die nachfolgende (unvollständige) Liste ihrer Werke konnte ich anhand von Ankündigungen und Veröffentlichungen in der zeitgenössischen Presse zusammenstellen:
op. 0x – Preghiera für Militärmusik
op. 04 – Ave Maria (1845) – Solo für Sopran mit Begleitung der Orgel
op. 05 – Meine liebste Blume (1846) – Lied für eine Singstimme mit Begleitung des Piano
op. 06 – Schlummerlied () – Gedicht von Grillparzer
op. 08 – Frühlingsträume (1847) – Walzer für Pianoforte
op. 09 – Abschieds-Walzer (1848) – Walzer für Pianoforte
op. 10 – Ferdinandus-Walzer
op. 14 – Radetzky-Marsch (1849)
op. 15 – Sehnsucht (1850) – Romanze
op. 17 – Ein Besuch in Maxing (1851) – Tongemälde
op. 18 – An meinen Stern (1851) – Romanze für Tenor
op. 21 – Einsame Fahrt (1852) – Gedicht von P. Palme
op. 22 – Nandl-Polka (1852)
op. 23 – Oberländler (1852)
op. 24 – Lanckoronsky-Marsch (1853)
op. 26 – Chinesen-Polka (1854)
op. 27 – Unbefriedigte Sehnsucht (1856) – Nocturne
op. 29 – Herzklopfer (1856) – Walzer
op. 31- An mein Gnadenbild (1858) – Gebet für die Zither
op. 3x – Der kaiserlichen Yacht „Fantasie“ zum Geleite (1858) – Gebet
Mit ein Grund für den Spott dürfte neben einer medialen Omnipräsenz das energische Betreiben der Eltern gewesen sein, Zukunft und Karriere ihrer Tochter voranzutreiben.3) Selbst der Aussiger Anzeiger, angesiedelt fern der Habsburger-Metropole im heute tschechischen Usti nad Labem, nahe der Grenze zu Sachsen, zitierte anlässlich des Todes der Mutter wenig feinfühlig ein anderes Blatt:
Es gab wol wenig Kreise in Wien, in denen man nicht, zum Mindesten dem Namen und den Thaten nach, die drastische Frau kannte, welche durch den Fanatismus ihrer Mutterliebe – freilich der verzeihlichste – zu einer förmlichen Berühmtheit gelangt war. Der Anekdoten über die „Mutter der Debütantin“ gab es in Hülle und Fülle. Wie sie einen Theaterdirector um 1 Uhr nachts wecken ließ, weil ihre Tochter am nächsten Abend absolut auf seiner Bühne spielen müsse, wie sie eine sehr hohe Dame einmal allen Ernstes um ihren Schmuck blos für eine Vorstellung anging, in welcher ihre Tochter eine Fürstin zu spielen hätte, und deshalb fürstlicher Kleinoden bedürfe u. dergl. m.
Aussiger Anzeiger, 11.03.1865
Das goldene Lamm
Zum Bestreben der Mutter dürfte auch die bestmögliche Verheiratung ihrer künstlerisch so vielfältig begabten Tochter gehört haben. Gegen Ende der 1850er Jahre sollte sich Constanzes Leben in vieler Hinsicht ändern. Eine zentrale Rolle spielte darin das Gasthaus zum goldenen Lamm.
Das Gebäude mit der Konskriptionsnummer 581 beherbergt heute an der Adresse Praterstraße 1-7 in einem von Jean Nouvel errichteten Gebäude das Sofitel Vienna. Zu seiner Zeit war es eine der angesehensten Unterkünfte Wiens und „beherbergte des öfteren illustre Gäste (so Heinrich Laube, Otto von Bismarck, Hoffmann von Fallersleben). Adolf Bäuerle, der Herausgeber der „Theater-Zeitung“, war Stammgast, Josefine Gallmeyer veranstaltete in den 60er Jahren hier ihre Abendgesellschaften (zu denen auch Jacques Offenbach, Anton Ascher, Eduard von Bauernfeld und später Franz Jauner kamen)“ 4)
Auch Frederic Chopin wohnte im Jahr 1830 kurz im Goldenen Lamm (nachdem ihm das Essen im Hotel „Zur Stadt London“ zu salzig war) bevor er am Kohlmarkt eine neue Residenz fand. 5)
Die Familie Strauss, mit der Constanze und ihre Familie sehr verbunden war, entstammte der Leopoldstadt und wohnte mehr oder weniger um die Ecke im „Hirschenhaus“ in der Taborstraße. Auch das Carl-Theater in der Jägerzeile (Praterstraße) war für die Schauspielerin und Musikerin sicherlich von Interesse. Ob sie auch Johann Strauss im Goldenen Lamm getroffen hat ist nicht überliefert, doch ein Besuch in diesem Gasthof sollte Folgen haben: Es wird überliefert, dass Constanze dort Leopold Prinz von Sachen-Coburg-Gotha-Koháry getroffen hat.
Grillenbanner + morganatische Ehe
Aus Constanze und Leopold wurde irgendwann in der zweiten Hälfte der 1850er Jahre ein Paar, wobei ich weder zur ersten Begegnung noch zum Beginn der Liebesbeziehung präzisere Quellen finden konnte.
Was Familie, Stand und Namen betraf erfüllte dieser Mann wohl die kühnsten Träume der Mutter. Der Bruder: Titularkönig von Portugal. Der Onkel: König von Belgien. Der Vater: Herzog von Sachsen-Coburg-Gotha-Koháry und hochdekorierter Offizier der k&k Armee. Er selbst war von der Mutter der spanischen Königin Isabella II als deren Ehemann vorgeschlagen worden – ein Arrangement dass nur durch politische Turbulenzen verhindert wurde.
Im Jahr 1859 verzeichnet der k.&k. Militärschematismus die Ernennung des 35-jährigen zum Generalmajor beim Infanterieregiment Nr. 59 Erzherzog Rainer (mit Station in Salzburg). In diesem Rang quittierte er auch den aktiven Militärdienst.
Die Beziehung zwischen Constanze und Leopold soll schon Jahre bestanden haben als in der Pfarre Unsere liebe Frau zu den Schotten am 12.10.1860 die Geburt des Sohnes Franz Ferdinand Leopold am Wohnort Hohe Brücke #145 dokumentiert wurde.
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Leopold von Sachsen-Coburg-Gotha ist im Eintrag als Vater vermerkt, ebenfalls findet sich die Legitimierung durch die spätere Heirat. Auffällig ist jedoch, dass die Einträge zu Vater, Legitimierung UND MUTTER mit einer anderen Handschrift erfolgten als Datum, Name des Kindes und Wohnort – und dass im Feld Mutter ursprünglich ein anderer Name eingetragen war, der in Folge durchgestrichen wurde.
So erfreut wohl das Mutterherz gewesen sein mag – die hochadelige Familie hatte mit der nicht-standesgemäßen Beziehung wenig Freude.
Die weitere Entwicklung entbehrt nicht einer gewissen Komik. Anfang Februar 1861 widmete Johann Strauss dem Prinzen sein op. 247, den „Grillenbanner-Walzer“.
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…Die Wortbedeutung hat nichts mit den gleichnamigen Insekten (Grillen) zu tun; sie bezieht sich auf die zweite Wortbedeutung, nämlich Ärger oder Laune. Ebenso bezieht sich der zweite Wortteil nicht auf ein Banner im Sinne einer Flagge, sondern ist die Substantivierung von (ver-)bannen. Mit dem Walzer sollte dem Namen nach also Ärger vertrieben werden. Konkret handelte es sich hierbei um den Ärger, den sich Leopold von Sachsen-Coburg und Gotha (1824–1884) durch seine nicht standesgemäße Heirat mit Constanze Geiger (1835–1890) einhandelte. Constanze, selbst Musikerin, war eine gute Bekannte von Johann Strauss. Dieser unterstützte die Hochzeit und widmete den Walzer demonstrativ dem Prinzen Leopold. Durch ein Einlenken der Familie des Prinzen wurde dieser Streit im Hause Sachsen-Coburg und Gotha dann beigelegt
Wikipedia – Grillenbanner-Walzer
Ob die demonstrative Widmung einen entscheidenden Einfluss auf die Geschicke von Constanze und Leopold hatte ist wohl kaum zu sagen. Das Stück kam jedenfalls sowohl beim Publikum als auch beim Prinzen gut an. Johann Strauss und der Verleger, Carl Haslinger, wurden vom Prinzen, „der die Dedikation des Werkes anzunehmen geruhte“ mit edelstein-besetzten Tuchnadeln beschenkt. Nachdem nur 2 Monate nach der Uraufführung die Hochzeit des Paares bei den Schotten stattfand, ist anzunehmen, dass im Februar die Heirat schon in Vorbereitung war. Vielleicht war die subtile Botschaft von Johann Strauss auch mehr für die Familie des Prinzen gedacht.
Die Trauung fand am 23. April 1861 bei in der Pfarre „Unsere liebe Frau zu den Schotten“ statt – als Trauzeugen fungierten der Musikverleger Carl Haslinger sowie ein J.B. Streicher, Hof und Kammer Pianoforte Verfertiger.
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Bei Constanze ist als frühere Wohnadresse noch die Hohe Brücke #145 zu finden, die auch im Taufbuch-Eintrag ihres Sohnes eingetragen war. Anderseits weist das Trauungsbuch für die beiden bereits den gleichen Wohnsitz aus: „Melkerbastei #1166 seit Micha. 1860“
Michaeli (29.09.) wäre allerdings noch VOR der Geburt des kleinen Franz am 12.10. gelegen…
In der Familie Sachsen-Coburg-Gotha war der Ärger groß. Je nach Quelle erfuhr das Familienoberhaupt derer von Sachen-Coburg-Gotha von der Trauung erst aus der Zeitung oder blieb die Familie demonstrativ der Hochzeit fern. Prinzgemahl Albert von Großbritannien (1819-1861) schrieb jedenfalls an seinen im Wiener Palais Coburg lebenden Cousin (und Bruder Leopolds) Prinz August von Sachsen-Coburg und Gotha im Mai 1861:6)
»Lieber August
Ich schicke dir hiermit die Listen von einigen kleinen Gegenständen, welche Victoria von dem Nachlasse deiner seeligen Tante [Mutter von Queen Victoria: Victoire Herzogin von Kent, 1786-1861, geb. Prinzessin v. Sachsen-Coburg-Saalfeld] für dich und die deinigen ausgesucht hat und dich bittet als Andenken an die theure Verewigte annehmen und … vertheilen zu wollen. Die Gegenstände selbst werden, hoffe ich, bald in deine Hände kommen. –
Deinem Bruder Leopold hatten wir (ich muss es gestehen) das Herz nicht in diesem Augenblicke ein Andenken an die … der Familie zu schicken, welche die Ehre und Stellung des Hauses gehoben und werth gehalten haben, da wir wissen dass der unüberlegte Schritt den er gethan zu haben scheint, der armen seeligen Mama sehr weh gethan haben würde, wie seinem Vater, wenn er noch lebte. – Bitte sage ihm nichts hiervon, denn wir möchten lieber ganz ignoriren, was wir so sehr mißbilligen müssen.
Dir wird das Ignoriren der Nähe halber schwerer fallen. –
Ewig Dein treuer Vetter Albert
Buckingham Palace
May 17. 1861«
Doch letztlich rang sich die Familie zur Versöhnung und zur Akzeptanz einer morganatischen Ehe durch und Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg-Gotha erhob Constanze 1862 in den Rang einer Freifrau von Ruttenstein (einem Besitz der Familie bei Grein/OÖ.), womit der Standesunterschied etwas ausgeglichen oder kaschiert wurde.
Eine morganatische Ehe bezeichnete in europäischen Fürstenhäusern eine eheliche Verbindung, in der ein Teil als nicht „standesgemäß“ oder „ebenbürtig“ angesehen wurde. Die aus ihr hervorgegangenen Kinder waren legitime Nachkommen des „höherrangigen“ Elternteils (häufig des Vaters), waren jedoch wie dieser selbst zumeist nicht erbberechtigt für vom Kaiser vergebene Lehen bzw. nicht thronfolgeberechtigt. Privates Vermögen und die Versorgung der Hinterbliebenen konnte unabhängig davon testamentarisch geregelt werden. 7)
Rückzug aus der Öffentlichkeit
Nach der Heirat zog sich Constanze aus dem Musik- und Theaterleben zurück. Ihre Werke wurden zwar weiterhin aufgeführt (zumeist unter Verwendung ihres Mädchennamens) doch neue Kompositionen sind nicht mehr belegt.8) Die freundschaftliche Verbindung zur Familie Strauss bestand jedoch weiter und Constanze bewirkte bei Herzog Ernst auch die Verleihung eines Ordens für Johann Strauss.
Das Paar lebte im Schloss Friedrichsthal bei Gotha, in Paris in der neu erbauten »Villa Constance« in der Rue Pergolese und in Wien immer im »Gasthof Zum Goldenen Lamm«, Praterstraße 7 in der Leopoldstadt am Donaukanal mit Blick zur Wiener Innenstadt, nur wenige hundert Meter vom »Palais Coburg« entfernt. 9)
In der Wohnung Hohe Brücke #145 lebten nach ihrer Vermählung offenbar ihre Eltern, denn ihr Vater verstarb an eben dieser Adresse am 09.12.1861 an „Erschöpfung der Kräfte“.
Im Jahr 1884 verstarb Leopold, offenbar bei einem Besuch in Wien, genau im Gasthof zum goldenen Lamm. Im Unterschied zu ländlichen Gemeinden, in denen das Sterbebuch der Pfarre zumeist die einzige verfügbare Quelle ist, stehen in Wien den Forschenden gleich mehrere Quellen zur Verfügung:
- Die Totenbeschauprotokolle
- Das daraus konsolidierte Verzeichnis der Verstorbenen („Totenverzeichnis“)
- Die Sterbebücher der Pfarren
Zu Leopold finden wir korrespondierende Einträge aus allen drei Quellen. Das Totenbeschauprotkoll verrät uns in der letzten Spalte, dass eine Überführung nach Coburg geplant war. Dies passt zum Sterbebuch, in dem das Begräbnis mit dem 23. Mai 1884 angegeben ist mit dem Vermerk: „Beigesetzet bis zur Transportierung in der Todtenkammer ehem. Barmh. Schwestern allhier.“
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Kleines Detail in der Rubrik „Name des Gestorbenen“:
Hier wurde dem ursprünglichen Eintrag, der den Stand als „Verehelicht“ angab, noch mit Bleistift ein Fragezeichen hinzugefügt. Von wem und wann auch immer.
Se. Hoheit Prinz Leopold von
Sachsen – Coburg – Gotha, k.k. Ge
neralmajor a.D. von Wien
gebürtig u. zuständig
Verehelicht
Die morganatische Ehe zwischen Leopold und Constanze hat mit Sicherheit ihren Sohn von der Thronfolge das Hauses Sachsen-Coburg und Gotha ausgeschlossen und umfasste möglicherweise auch keine besondere finanzielle Absicherung der Hinterbliebenen des Prinzen.
Doch Vereinbarungen kann man auch bestreiten und das scheint der junge Franz von Ruttenstein nach dem Ableben seines Vaters auch getan zu haben. So gibt es im Staatsarchiv Gotha Signatureinträge zur „Strittige(n) Führung des Titels Prinz durch Frhr. Franz
von Ruttenstein sowie weitere Ansprüche auf das Erbe seines Vaters Prinz Leopold von Sachsen-Coburg-Koháry (unstandesgemäße Ehe mit Konstanze Geiger“. Ich konnte diese Akten bisher nicht einsehen – R. Braun schreibt dazu:
Das aufwendige Leben hatte das Vermögen weitgehend aufgebraucht. Constanze und Sohn Franz baten in Coburg um Unterstützung. Sie besaßen keinerlei Erbansprüche an das Haus Coburg. Nach längeren Auseinandersetzungen zwischen den Parteien setzte der Wiener Prinz Philipp von Sachsen-Coburg und Gotha seinem Vetter Franz Ruttenstein eine lebenslängliche Rente von jährlich 10.000 Gulden aus
Braun, Ralf – „Prinz Leopold von Sachsen-Coburg und Gotha (Wien) – Constanze Freifrau von Ruttenstein, geb. Geiger, und Johann Strauss“ (2007)
Constanze lebte nach dem Tod ihres Mannes in Paris und verstarb im Jahr 1890 in Dieppe. In Frankreich wurde bereits sehr früh damit begonnen, die offizielle Personenstandsführung von staatlichen Stellen vornehmen zu lassen. Damit finden sich nicht nur in Großstädten wie Paris Registres Etat Civil, die für die Ahnenforschung herangezogen werden können. Der Sterbe-Eintrag enthält sowohl ihre Pariser Adresse (Rue de Pergolese #48) als auch ihre Anschrift in Dieppe (Rue Aquado – Hotel Royal),
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Die Komponistin liegt in einer Gruft am Friedhof Montmarte begraben, dem gleichen Friedhof, auf dem auch Edgar Degas liegt, über den ich an anderer Stelle bereits berichtet habe.
Wiederentdeckung
Die Wiederentdeckung der vergessenen Künstlerin geht wohl zu einem großen Teil auf das Konto von Raimund Lissy, Vorgeiger der zweiten Violinen der Wiener Philharmoniker. Zeitgerecht zum Neujahrskonzert 2024 erschien von ihm auch die Biografie „Es liegt ein Zauber über diesem Wunderkinde“ über Constanze Geiger. Darüber hinaus hat er auch mehrere Werke der Künstlerin aufgenommen und auf Youtube publiziert.10)
- Wien Geschichte Wiki – Constanze Geiger
- Sophie Drinker Institut: Constanze Geiger
- Braun, Ralf – „Prinz Leopold von Sachsen-Coburg und Gotha (Wien) – Constanze Freifrau von Ruttenstein, geb. Geiger, und Johann Strauss“ (2007) in „Zwanzig Jahre internationale Coburger Begegnungen“
- Wien Geschichte Wiki – Zum goldenen Lamm
- Michael Lorenz: A Godson of Frédéric Chopin
- Braun, Ralf – ebd., p.31
- Morganatische Ehe – Wikipedia
- Sophie Drinker Institut: ebd.
- Braun, Ralf – ebd., p.33
- Drehpunkt Kultur: Buchbesprechung