Auf den Spuren von Edgar Degas

Der Friedhof Montmartre

Der Friedhof Cimetiere de Montmartre im 18. Arrondissement von Paris gilt als der älteste der Stadt, und ähnlich wie sein bekannteres und größeres Pendant Perè-Lachaise beherbergt er etliche Gräber berühmter oder zumindest bekannter Persönlichkeiten. Unter die „B-Promis“ zu reihen ist wohl Dalida, die in Frankreich sicherlich bekannter ist als in Österreich und hier wohl eher der Generation unserer Eltern mit dem Duett mit Alan Delon „paroles, paroles“ in Erinnerung geblieben ist.

Zu den wirklich bekannten Namen gehören neben Heinrich Heine vor allem die Wissenschafter André-Marie Ampere und Leon Foucault sowie eine Reihe von Größen der französischen Kultur wie Hector Berlioz, Jacques Offenbach und Emile Zola.

Aus zeitgenössischer Sicht sind auch noch Jeanne Moreau, France Gall und François Truffaut zu nennen.

Auffällig war beim Besuch dieses Areals, dass Gräber unterschiedlicher Religionsgemeinschaften nicht, wie in Österreich üblich, in räumlich separierte Sektionen getrennt waren, sondern völlig frei vorzufinden waren. Ebenfalls zu beobachten waren Gräber mit gemischter Religionszugehörigkeit.

Der Friedhof wurde 1825 in einem ehemaligen Gipssteinbruch ca. 10 Jahre nach dem sechsten Koalitionskrieg errichtet, in dem Paris nach der Einnahme der strategisch bedeutsamen Erhebung des Montmarte durch die Koalitionstruppen kapitulieren musste. Alliierte Truppen, an der Spitze der russische Zar Alexander I. und der preußische König Friedrich Wilhelm III., zogen 1814 in Paris ein, nur fünf Jahre nachdem Napoleons Armee sowohl Wien als auch Graz erobert hatte.

Plan Routier de la Ville de Paris Divise en XII Arrondissements ou Mairies et en 48 Quartiers, Sur lequel sent indiques tous les Changements & Projets ordennes par le Gouverenement -- Dedie & Presente a Mr. Le Comte Frochot . . . Projet du Departement de la Seine, 1812. . . Corrigee en 1814.
Stadtkarte von Paris (1814) – XII Arrondissements + 48 Quartiers, Charles Picquet

Das Viertel Montmartre lag, wie eine Karte aus dem Jahr 1814 zeigt, zu dieser Zeit noch außerhalb der Stadtmauer. Auch der Gipssteinbruch ist darauf noch zu sehen. Ein interessantes Detail ist hier der Pariser Meridian, der bis zur Internationalen Meridian-Konferenz von Washington 1884 ein Kandidat auf den Nullmeridian war und in dieser Karte das „O“ der Beschriftung „Montmartre“ schneidet.

Auf einer Karte aus dem Jahr 1836 ist dagegen schon der Friedhof abgebildet und die dichter werdende Verbauung klar zu erkennen.

Arcanum Maps: Topographische Karte von Frankreich (1836) [BV_a_87]

Die Familie Degas in Paris

Zwei Jahre vor Erstellung dieser Karte erblickte 1834 mit Edgar Degas ein weiterer berühmter Einwohner der Stadt, der im Cimetiere de Montmartre seine letzte Ruhestätte fand, das Licht der Welt.

Selbstbildnis um 1863

Degas wurde als Kind einer großbürgerlichen Familie geboren und schlug nach Beginn eines Jus-Studiums eine künstlerische Laufbahn ein. In den Jahren nach 1866 schloß er Bekanntschaft zu den Künstlerkollegen Manet, Cezanne und Renoir und 1874 organisierte er eine erste Gruppenausstellung der Impressionisten.

In einer großen Stadt wie Paris ist bei historischen Geburten üblicherweise die Identifikation der richtigen Pfarre das größte Hindernis. Im Falle von Degas hilft das Wissen, dass er der protestantischen Kirche angehörte, um die zur Auswahl stehenden Matriken dramatisch einzugrenzen. Und so finden sich im Register der protestantischen Gemeinde von Paris zwei Geburten der Familie Degas.

Grabstätte der Familie Degas
am Cimetiere de Montmartre

Der Wikipedia-Artikel zu Degas behauptet im Übrigen, Degas hätte den Namen seiner Familie (De Gas) „später verbürgerlicht“ – eine Interpretation für die ich keinen Hinweis finden konnte, da alle Dokumente, egal ob kirchlich oder staatlich immer „Degas“ als Namen ausweisen. Ich gehe daher davon aus, dass diese Namensänderung wohl schon im (post-)revolutionären Frankreich vollzogen wurde, in dem ein adeliger Name von der Familie vielleicht als eher nachteilig bis eventuell gefährlich betrachtet wurde.

Marie Celeste MUSSON
(1815-1847)

Fünf der sieben Kinder des napolitanischen Bankiers Laurent Pierre Auguste Hyacinte, kamen in Paris zur Welt:

Hilaire Germaine Edgar Degas am 19.07.1834
George Auguste Henri am 25.12.1835.
Achille Hubert am 16.11.1838.
Laure Marguerite am 02.07.1842.
Jean Baptiste René am 06.05.1855.

In gängigen Genealogie-Plattformen finden sich Stammbäume der Familie Degas, denen ich auch diese Fotos entnehmen konnte. 1

Laurent Pierre Auguste Hyacinte DEGAS (1807-1874)

Die Familie Degas in Italien

Die Geschichte dieser Familie zeigt exemplarisch, wie in den europäischen Metropolen nicht nur die übliche Siedlungsdynamik einer Großstadt mit ihrer dichten Bebauung die Ahnenforschung beeinflußt. Das Leben der Familien muss trotz oft häufiger Ortswechsel zwischen verschiedenen Bezirken nachvollzogen werden.

Doch die Hauptstädte bilden auch einen Schmelztiegel unterschiedlicher Religionen und Nationen.

Diese Funktion ermöglichte, ganz im Unterschied zur typischerweise maximal lokalen oder regionalen Mobilität der einfach Bevölkerung, bestimmten Bevölkerungsgruppen wie Diplomaten, Kaufleuten aber auch Künstlern auch international wechselnde Lebensmittelpunkte.

Die beiden anderen Kinder von Lorenzo Pietro Augustino Degas (so der Name von Degas Vater in Italien) kamen in Neapel, der damaligen Hauptstadt des Königreichs beider Sizilien, zur Welt.

Die Spur der Geschwister von Edgar Degas kann jedenfalls gut mit dem Verweis in dessen Taufbuch-Eintrag auf die Herkunft des Vaters aus Neapel gefunden werden.
(„Banquier a Naples – actuellement a Paris rue St Georges no 8″)

In Neapel war bereits seit 1809 eine zivile Registrierung von Taufen, Ehen und Geburten etabliert, über die wir die Geburten von Degas Schwestern Laura Eugenia Matilde (1833) und Maria Theresia Flavia (1840) finden können.

Das napolitanische Geburtenregister glänzt mit sehr großzügigen Vorlagen, die allerdings für den enormen bereitgestellten Platz (1 Seite pro Geburt) letztlich doch nur sehr sparsame Informationen zum protokollierten Ereignis bieten.

Stato civile della restaurazione (quartieri di Napoli) – San Giuseppe

Auch in Paris gab es zu dieser Zeit – ganz im Unterschied zu Deutschland oder gar Österreich, wo – als vermutlich dem letzten europäischen Land – diese Aufgabe erst 1938 in staatliche Hände gelegt wurde, bereits eine staatliche Registrierung von Taufen, Heiraten und Todesfällen. Im Jahr 1792 ernannte die Revolutionsregierung weltliche Beamte mit der Führung von Zivilregistern.

Im Vergleich zu ihren napolitanischen Pendants fallen die Pariser Einträge allerdings sehr knapp aus.

Fichier alphabétique des actes de mariage
Register-Eintrag Standesamtl. Heirat (1832)
Laurent Pierre Degas + Marie Celestine Musson

Fichier alphabétique des mariages religieux
Register-Eintrag kirchliche Heirat (1832)
Laurent Pierre Degas + Marie Celestine Musson

Fichier alphabétiques des actes de naissances
Taufregister Edgar Degas (1834)

Die Familie Musson in Louisiana

Aus der Biografie von Edgar Degas ist bekannt, dass seine Mutter Marie Celestine Musson kreolischer Abstammung und aus New Orleans gebürtig war. Wie uns Wikipedia verrät, reiste Degas im Jahre 1872/1873 dorthin und verbrachte mehrere Monate vor Ort.

„1872/73 reiste der Maler nach New Orleans, wo seine zahlreichen Verwandten mütterlicherseits lebten. Auch zwei Brüder hatten sich mittlerweile dort niedergelassen; Mitglieder der Familie waren im Baumwollgeschäft tätig. Während des fünfmonatigen Aufenthalts entstand eine Reihe von Porträts der Angehörigen, darunter das Gemälde Das Baumwollkontor in New Orleans

Während wir bei vielen Familien außer den Kirchenbüchern oft keinerlei Aufzeichnungen zur Verfügung haben ist diese ein Beispiel, wo viele Informationen über die Familiengeschichte verfügbar sind, die eben nicht den Matriken entstammen.

Ich konnte bislang über die Quellen-Informationen in den Internet-Stammbäumen und den auf familysearch.org verfügbaren Matriken keine Kirchenbuch-Einträge zu Geburt oder Tod von Marie Celeste Musson finden. Dennoch besteht aufgrund der verfügbaren biografischen Informationen kein Zweifel, dass Degas Mutter aus New Orleans stammte.

Ein interessantes Dokument läßt sich jedoch mithilfe verfügbaren Stammbäume identifizieren und zeigt uns sehr gut, dass in der Ahnenforschung alle Dokumente hilfreich sein können – nicht nur die direkten Nachweise von Geburt und Tod.

Es handelt sich dabei um den Antrag von Edgar Degas Großvater mütterlicherseits, Germaine Musson, mit dem er beim Hinterlassenschaftsgericht nach dem Tod seiner Frau Marie Celeste Vincent Rillieux in Zuge der Abwicklung der Hinterlassenschaft die Bestellung eines Mr. David Olivier als Interessensvertreter („under tutor“) der minderjährigen Kinder aus dieser Ehe beantragte – darunter Marie Celeste Musson. Wir können damit den Bezug zwischen Degas Mutter, ihren Eltern und ihren Geschwistern aus einem einzigen Dokument ableiten!

Louisiana, Court of Probates, Estate of the late Marie Celeste Vincent Rillieux

Und beide mütterlichen Großeltern von Degas aus Louisiana finden wir auch auf einem Friedhof in New Orleans,
Marie Celeste Desiree Rillieux verstorben im Jahr 1819 und Germaine Musson, verstorben im Jahr 1853 – wie es auch in seinem death certificate bestätigt wurde.


  1. Geneanet – Familie Degas ↩︎

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1 Kommentar zu „Auf den Spuren von Edgar Degas“

  1. Heribert Sorger

    Die Beiträge werden immer professioneller. Die Recherechen zur Familie Degas sind sehr profund. Gratulation zu diesem Bericht!

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