Das Team von meinevorfahren.at gratuliert dem amtierenden und zukünftigen Bundespräsidenten sehr herzlich und freut sich über die Wiederwahl
HERZLICHE GRATULATION ZUR ERFOLGREICHEN WIEDERWAHL!
Inhalt
- Ahnenforschung über lebende Personen
- Alexander van der Bellens Wurzeln in Estland
- In der „besseren Gesellschaft“ im Zarenreich
- Quellen im Nebel
Ahnenforschung über lebende Personen
Ahnenforschung zu lebenden Personen ist ein spezielles Thema, nachdem mit gutem Grund personenbezogene Daten durch die DSGVO geschützt sind. Ich darf daher nicht einfach das Geburtsdatum einer Person in Erfahrung bringen und es – ohne ihre Zustimmung – hier veröffentlichen.
Auch wenn ich keinen Rechtstext dazu finden konnte gehe ich davon aus, dass ich „im Internet frei verfügbare“ Daten nutzen kann – eine Formulierung, die in mehreren einschlägigen Ratgebern (von denen sich manche allerdings auf deutsches Recht beziehen) zu finden war. (1)
Das Erheben, Speichern, Verändern, Übermitteln oder Nutzen von personenbezogenen Daten für die Erfüllung eigener Geschäftszwecke ist gemäß § 28 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 BDSG auch dann zulässig, wenn die Daten allgemein zugänglich sind oder das Unternehmen diese Daten veröffentlichen dürfte
Datenverarbeitung – Das müssen Sie bei Daten aus allgemein zugänglichen Quellen beachten – DSB Ratgeber (dsb-ratgeber.de)
Bei einem Bundespräsidenten mit einem Wikipedia-Eintrag, der seit 2004 gepflegt und korrigiert wird, gehe ich davon aus, dass die dort verfügbaren Informationen tatsächlich als „mit Zustimmung der Person veröffentlicht“ gelten können – aber das können Juristen sicherlich besser beurteilen.
Aber nicht nur die Daten von lebenden Personen sind geschützt (in diesem Falle durch die DSGVO) sondern auch die von bereits verstorbenen Menschen. Das Personenstandsgesetz, in dem die Erhebung und Verarbeitung von Informationen zum Personenstand geregelt wird, bestimmt in seinem §52 nämlich, dass ein Recht auf Einsicht dieser Daten nur folgende Personen haben:
1. Personen, auf die sich die Eintragung bezieht, sowie sonstigen Personen, deren Personenstand durch die Eintragung berührt wird
2. Personen, die ein rechtliches Interesse daran glaubhaft machen
RIS – Bundesgesetz über die Regelung des Personenstandswesens, §52
An sich keine gute Arbeitsgrundlage für Ahnenforscher und Ahnenforscherinnen… Aber glücklicherweise gilt diese Einschränkung des Rechts auf Einsicht „nach Ablauf der folgenden Fristen als aufgehoben“:
- 100 Jahre nach Eintragung der Geburt
- 75 Jahre nach Eintragung der Eheschließung
- 30 Jahre nach Eintragung des Todes
Deutschland ist hier übrigens z.T. noch wesentlich restriktiver – und hat das Kuriosum aufzuweisen, dass evangelische Verstorbene längere Schutzfristen benötigen als katholische. (2)
Alexander van der Bellens Wurzeln in Estland
Zurück zum Titel des Beitrags – den Vorfahren des von mir sehr geschätzten Alexander van der Bellen.
In Alexander van der Bellens Wikipedia-Eintrag finde ich einen direkten Verweis auf seinen Großvater, Aleksander Konstantin von der Bellen, der mich schlagartig aller DSGVO-Probleme entledigt – weil ich nun einen Verstorbenen erforsche.
Nach ein wenig Recherche stellte ich fest, dass es in Estland eine recht fundierte Basis an Kirchenbucheinträgen der lutherischen Kirche auch in deutscher Sprache gibt! How comes?
Ähnlich wie auch Polen haben auch die baltischen Staaten eine sehr wechselvolle Geschichte – geprägt von Fremdherrschaft – hinter sich. Eine starke deutsche Präsenz geht auf das Mittelalter zurück, als Dänen und Deutsche das Territorium des Baltikums missionierten. Trotz ursprünglich dänischer Herrschaft sollte sich eine deutsche Gutsherrschaft der sogenannten Deutsch-Balten in dieser Region über Jahrhunderte bewahren – auch in Zeiten unter schwedischer und russischer Herrschaft.
Bereits im 16. Jahrhundert kamen die ersten lutherischen Protestanten ins Baltikum und nach Russland. Im Zarenreich genoss der lutheranische Glaube bereits ab dem 17. Jahrhundert eine verstärkte Glaubensfreiheit, die zu einem deutlichen Zuwachs der protestantischen Bevölkerung führte.
Unter Zarin Sofia (1682–1689) herrschte völlige Glaubenstoleranz. In der Zarenurkunde vom 21. Januar 1689 bot sie „allen Vertriebenen evangelischen Glaubens, die unsere Untertanen sein wollen“ an, „ohne jede Befürchtung […] in unser großrussisches Zarenreich zu kommen“. Insgesamt lebten Ende des 18. Jahrhunderts bereits 18.000 Protestanten in Russland.
Evangelisch-Lutherische Kirche in Russland
Diese religiöse Freiheit sollte viele weitere protestantische Siedler nach Russland führen, zu einem überwiegenden Teil deutscher Abstammung.
1917 lebten im Russischen Reich 3.674.000 Lutheraner, davon 2.425.000 in den Baltischen Gouvernements. Die fünf Konsistorialbezirke bestanden aus 539 Kirchendözesen, von denen sich 202 auf russischem Gebiet befanden. Es gab 1.828 evangelisch-lutherische Kirchen und Bethäuser, von denen 1.173 in Russland und 655 im Baltikum waren.
Evangelisch-Lutherische Kirche in Russland
Neben den Kirchenbüchern bietet das Estnische RAHVUSARHIIV aber auch viele weitere Quellen online frei verfügbar an. So konnte ich binnen eines (längeren) Abends die kompletten Akten zur Ausstellung eines zuerst temporären und dann permanenten Reisepasses für van der Bellens Tanten Natalia und Irina sowie seine Großmutter Adele REYMANN finden – inklusive hübscher Passfotos. Auch der Immatrikulationsakt von Onkel Konstantin Alexander an der Universität Tallinn findet sich dort mit 72 (!) Seiten.
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Aufwand und Komplexität von Ahnenforschung hängen natürlich immer davon ab, auf welchem Terrain wir uns befinden. Bewegen wir uns auf gut ausgetretenen Pfaden im ländlichen Niederösterreich, Oberösterreich oder der Steiermark so läßt sich teilweise das Grundgerüst einer Familie über viele Generationen hinweg in kurzer Zeit erheben. Stammen die Vorfahren, wie bei diesem Beispiel, aus einem fremden Sprach- und Kulturraum, müssen erst Quellen erschlossen werden – von den Feinheiten des „Amtsestnisch“ natürlich ganz zu schweigen.
Im Einwohnerverzeichnis von Kihelkonna aus dem Jahr 1927 finden wir den Onkel Konstantin sowie die Großmutter wieder, jedoch noch nicht die Eltern van der Bellens, die dort laut Wikipedia 1931 geheiratet haben.
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Auch die Tauf- und Trauungsbücher von Kihelkonna finden sich im Archiv, doch die Trauungsbücher reichen nur bis 1926. So bleiben weitere Details über das Leben der Familie in Estland bislang im Dunkeln.
In der „besseren Gesellschaft“ im Zarenreich
Van der Bellens Vater wurde noch in Pskov im zaristischen Russland geboren, wie auch mindestens zwei weitere Generationen vor ihm. Die dortige lutherisch-evangelische Kirchengemeinde verwöhnt den Ahnenforscher mit Kirchenbüchern in deutscher Sprache und guter Lesbarkeit. Über Wohlstand oder Vermögen der Familie kann natürlich keine Ferndiagnose erstellt werden, aber gesellschaftlich eingebunden in die sogenannte Oberschicht waren sie wohl allemal. Im Taufbuch des Großvaters finden sich „General der Artillerie und Ritter Wladimir Glinka“ sowie „Nadeschda von Trojanowsky“ als Paten bei der Geburt auf dem Gut Alexandrowa. Als Berufsbezeichnung des Urgroßvaters ist „Leutnant der Artillerie und Gutsbesitzer“ eingetragen.

In der protestantischen Community in Pskov war man möglicherweise unter sich geblieben. Darauf hindeuten würde jedenfalls die Tatsache, dass bei der Geburt von Van der Bellens Großmutter Adele Emilie REYMANN ihr späterer Schwiegervater – „Alexi von der Bellen, Gutsbesitzer“ – bereits als Taufpate fungierte.

Zugehörigkeit zum zaristischen Militär und Vernetzung mit dem russischen Adel waren im revolutionären Russland vermutlich kein Grundlage für eine entspannte Lebenssituation. Der russische Bürgerkrieg tobte allerdings wesentlich stärker im Süden. Die Kämpfe gegen die Krim Tataren, Don-Kosaken und die sog. „weiße Armee“, sie alle fanden im Süden, vor allem auf dem Gebiet der heutigen Ukraine statt.
Im Februar 1918 – Alexander van der Bellens Vater bereitete sich möglicherweise gerade auf den Abschluss der „klassischen Schule“ in Pleskau (3) vor (die er 1918 beendete) – führten die Mittelmächte mit der sog. „Operation Faustschlag“ eine Entscheidung an der russischen Front des ersten Weltkriegs herbei, die bereits im März zum Frieden von Brest-Litowsk führen sollte.
Sowjetrussland verzichtete auf seine Hoheitsrechte in Polen, Litauen und Kurland. Die Zukunft dieser Gebiete sollte mit dem Deutschen Reich im Einvernehmen mit den dortigen Völkern nach dem Selbstbestimmungsrecht geregelt werden. Estland und Livland sowie fast das gesamte Gebiet von Belarus (westlich des Dnepr) blieben von deutschen Truppen besetzt, die Ukraine und Finnland wurden als selbständige Staaten anerkannt
Wikipedia – Friedensvertrag von Brest-Litowsk
Die Attraktivität des von den Deutschen besetzten, nur wenige Kilometer entfernten, Estland für eine deutschsprachige, protestantische Familie mit Verbindungen zum zaristischen Militär war in dieser bedrohlichen Zeit mit Sicherheit deutlich gestiegen und so floh die Familie im Jahr 1919 nach Estland.
Quellen im Nebel
Die online verfügbaren Kirchenbücher der evangelisch-lutherischen Gemeinde sind leider auf den Zeitraum 1833-1885 beschränkt. Online verfügbare Stammbäume der Familie nennen, allerdings ohne jegliche Quellenangaben, mit Johann Abraham von der Bellen und Jacobus van der Bellen (1729-1782) noch weiter zurückliegende Vorfahren. Um diese nachvollziehen zu können wäre allerdings wahrscheinlich Wissen, das möglicherweise der Familie van der Bellen zur Verfügung steht, von Nöten.
Wir lernen an dieser Stelle jedenfalls, dass Estland in punkto Transparenz und e-Government, zumindest auf dem Gebiet der Bereitstellung historischer Verwaltungsdaten, bella figura macht (auch wenn ich die Einbürgerungsakten der Familie van der Bellen aus dem Jahr 1919 noch nicht finden konnte) und ich bin fürs Erste dankbar dafür, dass die Vorfahren Alexander van der Bellens der evangelisch-lutherischen Kirche angehört haben. Auf russisch-orthodoxer Seite gibt es in Pskov nämlich durchaus auch viele Kirchenbücher, allerdings in russischer Sprache und Schrift – und diese zu erlernen hätte den Rahmen dieses Beitrags mit Sicherheit gesprengt.