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Heute möchte ich einen Künstler auf die Bühne bitten, der vermutlich einer breiteren Öffentlichkeit nicht bekannt ist. Auch wenn das Wien Museum über eine Sammlung seiner Werke verfügt – nach einer einzelnen Ausstellung seines Œuvres wird man wohl vergebens suchen. Doch aufgrund der Breite seines Schaffens darf man annehmen, dass Porträts aus seiner Hand durchaus bereits in diversen Ausstellungen mit unterschiedlichem Kontext zu sehen waren.
Was man mit Sicherheit behaupten kann: wenn man sich mit bekannten Namen der Wiener Geschichte befasst, stolpert man fast zwangsläufig über Lithographien aus seiner Hand!
Wie eine mobile Fotobox produzierte der Porträtmaler Joseph Kriehuber unermüdlich zwischen 1827 und 1863 ca. 3000 Portraits von Personen der Wiener Gesellschaft.
Egal ob Künstlerin, Politiker, Adelige oder Wirtschaftstreibende – wer etwas auf sich hielt, saß ihm Modell.
Bevor wir uns seinen Porträts widmen, werfen wir einen Blick darauf, welchen genealogischen Footprint die Familie Kriehuber hinterlassen hat.
Schnitzeljagd in der Wiener Vorstadt
Die Familie Kriehuber ist jedenfalls ein gutes Beispiel für die Tücken der Ahnenforschung in einer Großstadt wie Wien – und wie sich die Suche nach Personen und Orten zum Detektivspiel entwickeln kann.

Man findet die Taufbuch-Einträge von Joseph Nikolaus und seinem Bruder Johann Georg in der Pfarre Maria Treu, und sie weisen übereinstimmend „Pelikan 106“ als Ortsangabe aus. Könnten die Gebrüder Kriehuber also im heutigen 9. Wiener Bezirk in der Pelikangasse geboren worden sein?
Diese liegt allerdings etwas weiter nördlich im Bereich der Pfarre Alservorstadt. Eine Taufe in einer Nachbarpfarre dürfte wohl kein Ding der Unmöglichkeit gewesen sein – doch gleichzeitig findet sich im Alsergrund schlichtweg keine Pelikangasse in den Häuserverzeichnissen, die in den Jahren 1796, 1798 und 1805 im Verlag Gerold unter folgendem hübschen Titel erschienen sind:
„Verzeichniß der in der k. k. Haupt- und Residenz-Stadt Wien, sammt den dazu gehörigen Vorstädten und Gründen, befindlichen numerirten Häuser, derselben wahrhafte Eigenthümer und Schilde : Auch einer Anzeige wie viel Stockwerke jedes Haus hat, nebst einer kurzen Uebersicht der alt und neuen Häusernumerirung und einem bequemen Register über die Plätze, Strassen und Gässen“
Der Stadtplan von 1812 zeigt uns die kleine Gasse als Verbindung von der Alserstraße zum damals frei fließenden Alserbach. An der Alserstraße wie auch der Adlergasse gibt es geschlossene Häuserreihen, doch dahinter sind die heutigen Innenhöfe noch offene, freie Flächen. Auch in Behsels hübsch koloriertem Plan von 1820 hat sich die Bebauung noch nicht wesentlich verdichtet. Doch keiner dieser Pläne weist das Gässchen als „Pelikangasse“ aus.
Eine Gasse dieses Namens finden wir erstmals im Häuserverzeichnis des Aloys von Fraißl aus dem Jahr 1812, ebenfalls bei Gerold erschienen – und dort nicht am heutigen Ort, sondern im Bereich der „Unbürgerliche(n) Vorstadt Spietlberg“ mit dem Besitzer „Josef Pigel“ und dem Schild (=dem Hausnamen) „goldener Hirsch“.
In den Stadtplänen ist dieser Teil der heutigen Stiftgasse allerdings als „Pelicangasse“ verzeichnet – und dieser Name sollte bis zumindest ins Jahr 1858 Bestand haben – im Stadtplan des Jahres 1887 ändern sich dann einige Namen in diesem Grätzel..
An der Ecke „Spitalberg“ oder Spittelberg und Pelicangasse findet sich auch eine Hausnummer 106. Sind wir auf der richtige Spur?
Doch wenn man die Kirchenbücher von Maria Treu etwas weiter zurück verfolgt, nimmt die Suche eine völlig neue Wendung. Am 28.06.1789 wurde Johann Baptist Kriehuber getauft, und im Taufbuch finden wir zum Wohnort folgende Angaben: „Schott. Gasse“ als Grund (Bezirk), „gold. Pelikan“ als Haus und 67 als Hausnummer. Es geht also nicht um die Pelikangasse, sondern um den Hausnamen „Pelikan“!
Mit dem Häuserverzeichnis von Anton Behsel aus dem Jahr 1829 können wir die Verbindungen zwischen den Taufen der Jahre 1789, 1796 und 1800 herstellen. Das Haus „Goldener Pelikan“ hatte ursprünglich in der „Neuen Schottengasse“ die Hausnummer 67 – mit der zweiten Hausnummerierung 1795 bekam es die Nr. 106 und in der dritten Nummerierung von 1820 erhielt es die Nummer 129, mit der es auch in Behsels Stadtplan und im Franciszäischen Kataster zu finden ist.
Wir finden den Wohnort der Familie Kriehuber also an der heutigen Anschrift Piaristengasse 21, Ecke Zeltgasse.
Diese Haus zeigt, wie viele andere auch, den höchst dringenden Bedarf der rasant wachsenden Stadt nach einem umfassenderen Adressierungs-System. Im Behsel finden wir 16 Häuser mit Namen „Pelikan“, darunter alleine 7 „goldene“ Pelikane. Bei goldenen Hirschen oder goldenen Adlern sah die Lage noch schlimmer aus. Mehr über die „Ordnung der Häuser“ gibt es in diesem Beitrag.

Gastgeber und künstlerischer Dilettant
Josephs Vater Johann wird im Taufbuch als „Hausinhaber und Gastgeb[er]“ bezeichnet. Das Österreichische Biografische Lexikon vermerkt dazu „Sohn eines Wirtes, der in der Malerei dilettierte und sich mit Kunsthandel und auch Restaurieren befaßte“. 2)

Des Vaters Dilettieren dürfte auf zumindest zwei der Kinder, den älteren Sohn Johann Georg (* 1796) wie auch den jüngeren Joseph abgefärbt haben.
Johann Georg war bereits mit 7 Jahren Schüler an der Akademie St. Anna – und ebenso früh begann Joseph bei seinem älteren Bruder zu lernen . „Akademie St. Anna“ steht hier für „Normalschule St. Anna“ sowie die Akademie der bildenden Künste Wien, die ab 1768 im St. Anna-Hof beheimatet war.
„Der Wurzbach“ vermerkt dazu (neben einem falschen Geburtsdatum): „Zeigte in früher Jugend ein hervorragendes Talent für die Kunst und, erst sieben Jahre alt, zeichnete er schon unter seines älteren Bruders Leitung, der selbst ein geschickter Künstler war, aber frühzeitig starb.“ 3)
Den Biografien zufolge wurde Josephs Familie im Alter von 12 Jahren von Schicksalsschlägen getroffen. Der Tod des Vaters wird mit 1812 angegeben, nur ein Jahr darauf starb der ältere Bruder. Zu beiden Sterbefällen konnte ich bislang noch keine zweifelsfreien Belege finden.
Die bislang beste Annäherung bietet der Tod eines Weinhändlers im dritten Bezirk, den wir in den Wiener Totenbeschauprotokollen, in den Matriken von Maria Geburt in Wien Landstraße, aber auch etwas später in der Auflistung der Sterbefälle in der Wiener Zeitung finden können.


Das ist kein Beweis, doch zumindest ein Indiz, da das Sterbejahr 1812 auch im Österreichischen Biografischen Lexikon genannt wird. Beide Quellen geben 63 Jahre als Alter an, woraus sich ein Geburtsdatum im Zeitraum 1748/1749 ergibt. Eine Möglichkeit, die Stichhaltigkeit dieses Hinweises zu erhöhen, wäre es, alle Totenbeschauprotokolle des Jahres 1812 nach weiteren Vorkommen des Namens „Kriehuber“ zu durchsuchen – eine Aufgabe, die ich bislang noch nicht leisten konnte.
Das Totenbeschauprotokoll gibt uns den ersten Hinweis auf eine mögliche Herkunft des Vaters und verweist uns nach Milleschitz in Mähren.
Ab 1813 studierte auch Joseph Kriehuber an der Akademie St. Anna.
Nach einer Zeit in Polen, wo er die Kinder eines Fürsten unterrichtete, kehrte er nach Wien zurück und wandte sich ab 1823 der Lithographie zu, die ihn zum gefragten Porträtisten der Wiener Gesellschaft machen sollte.
Von Neubau nach Erdberg und Wieden
Im Jahr 1827 heiratete Joseph Marie Eigner, lt. Wikipedia eine uneheliche Tochter Ferdinand von Colloredo-Mannsfelds. Die Heirat findet in Wien Erdberg in der Pfarre St. Rochus statt. Diese Heirat zu finden wäre ohne Indizien, wo man suchen soll, eine Mammutaufgabe.
Hier zeigt sich, wie wichtig es ist, mit allen verfügbaren Quellen zu arbeiten, die Erkenntnisse, die man daraus gewinnt, allerdings immer penibel zu prüfen. Das Geburtsdatum von Friedrich (07.06.1834), dem Erstgeborenen von Joseph und Maria Kriehuber, findet man rasch im Internet. Die Quelle dazu liefert mir Ancestry, eine kommerzielle Genealogie-Plattform. Und der Taufbuch-Eintrag von St. Karl Borromäus in Wien Wieden verrät mir schließlich die Trauung der Eltern in St. Rochus.
In mehreren Beiträgen im Internet wird immer wieder eine Marie Forstner als Ehefrau Kriehubers genannt. Tatsächlich wird seine Frau Marie nur im Trauungsbuch als „Marie Eigner, led.Std. […] der Theresia Forstner, led. Std…. Tochter“ bezeichnet. In den Taufbuch-Einträgen der zahlreichen Kinder dagegen ist sie immer als „Maria Anna, geb. von Wien, ehel. Tochter des Eigner Johann, […] und der Rosalia (sic!), geb. Forstner“ zu fnden.
Die private und kostenfreie Plattform genteam.at ist eine unschätzbare Hilfe im Kampf gegen die zwei größten Schwierigkeiten, die die Ahnenforschung in der Großstadt mit sich bringt: die Mobilität und die schiere Menge an Menschen. Mit Hilfe der Datenbank von genteam kann bezirks- und pfarr-übergreifend gesucht werden, was in vielen Fällen die einzige Chance auf Erfolg ist, weil es ein enormer Aufwand wäre, ausgehend von den Wurzeln der Familie in Wien Neubau eine Taufe in Wien Wieden oder eine Trauung in Wien Erdberg zu finden – durch dutzende von Pfarren vom ursprünglichen Wohnort getrennt.
Genteam verhilft uns auch noch zu einem weiteren Fund: Am 26.01.1787 wurde in der Pfarre Schottenfeld der wohl älteste Bruder des späteren Künstlers, Franz Joseph Kriehuber, geboren. Interessant auch der Pate: „Franz Kriehuber, k.k. Militärverpflegsbeamter“. Ein Onkel?
Der Porträtist der Wiener Gesellschaft
Im Folgenden verlassen wir den Bereich der Ahnenforschung und es soll ein kleiner Eindruck seines Werkes vermittelt werden. Viele der Namen zu den Poträts aus der Galerie sind bekannt und weitgehend selbsterklärend.
Doch auch etwas weniger bekannte Persönlichkeiten sind darunter:
- So etwa Tobias Haslinger, bekannter Wiener Musikverleger, der viele Werke von Johann Strauss Sohn aber auch von Constanze Geiger veröffentlicht hatte?
- Carl Rokitansky dagegen war ein bedeutender Vertreter der zweiten Wiener medizinischen Schule und Vorreiter auf dem Gebiet der pathologischen Anatomie.
- Anton Zelinka wiederum glänzte als Wiener Bürgermeister mit erheblichem sozialem Engagement. Er förderte die Schaffung des Stadtparks und unterstützte Dr. Eduard Suess (der ebenfalls von Kriehuber porträtiert wurde) bei seinem Kampf für die Wiener Hochquellwasserleitung.












Bilder: Kinsky, Rokitansky, Grillparzer, Erzherzog Johann: Sammlung Paul Geymeyer, all others: commons.wikimedia.org
Während Kriehuber unermüdlich Wiens Gesellschaft porträtierte schrieb Constant von Wurzbach ebenso eifrig an seinem 60-bändigen „Biografischen Lexikon des Kaiserthums Oesterreich“. Wenn Kriehuber der Porträtist Österreichs war, so war Wurzbach mit Sicherheit der Biograf Österreichs. Einen der über 24.000 Einträge widmete er Joseph Krierhuber, den er in den vollsten Zügen lobte:
K. wurde ausschließlich Porträtmaler und als Bildnißlithograph eine Specialität, der sich in Wien innerhalb vier Jahrzehenden keine zweite an die Seite zu stellen versuchte. Denn was auch auf diesem Gebiete von Zeit zu Zeit und jetzt noch auftaucht, hat dem Meister das eine und das andere wohl abgeguckt; ihn zu erreichen fehlte jedem der Geist, ja der Idealismus, zu dem sich K. in seinen Porträten emporzuschwingen versteht. In der Lebendigkeit der Auffassung, in einem gewissen, jedem Porträte eigenthümlichen Zuge, in dem wir die Seele jedes Porträts, das K. vollendet, suchen würden, liegt der eigentliche Werth und der unsägliche Reiz seiner Bildnisse.
Es schwingt eine ehrliche Bewunderung, vielleicht ein Gefühl des Gleichklangs der Seelen mit, wenn der Sammler von tausenden Lebensgeschichten den Umfang des Kriehuberschen Werkes würdigt:
Die Zahl der Kriehuber’schen Bildnisse rechnet man nicht mehr nach Hunderten, sondern nach Tausenden. Jedes Mitglied der vornehmen Welt, die Männer des Staates und des Rathes, der Künstlerkreise, alle, die in der Wiener Gesellschaft innerhalb der letzten vier Decennien sich nur einigermaßen bemerkbar gemacht, haben bestimmt ihren Platz in der Kriehuber’schen Porträt-Gallerie; daß unsere besten Dichter der Malerpoet nicht vergessen hat, bedarf keiner ausdrücklichen Versicherung. Aber auch was in der Wissenschaft vor und nach dem März hervorragte, dürfte, wenn nicht vollständig, so doch stark in derselben vertreten sein.
Abstammung aus Mähren?
Auch wenn es nicht gesichert ist, dass der verstorbene Weinhändler tatsächlich der Vater von Joseph Kriehuber ist, ein Blick nach Milleschitz in Mähren schadet nicht. Ich entdecke dort Griuber, Griober, Griehuber, Kriober und Grühuber in allerlei Schattierungen, aber bislang weder Geburt noch Trauung eines geeigneten Johann. Fürs Erste endet damit diese unbestätigte Spur hier.
Der Werdegang der Familie in Wien lässt sich dagegen weiter verfolgen. Wir finden in der Pfarre St. Karl Borromäus, also der Karlskirche in Wieden, eine beeindruckende Schar von Kindern:
| Name | Geburt | Ort | Heirat | Tod |
|---|---|---|---|---|
| Maria Alyoisia | 19.08.1831 | Wien 04 St. Karl Borromäus | 19.04.1869 – Karl Herold von Stoda | 05.09.1905 |
| Friedrich Joseph Johann | 07.06.1834 | Wien 04 St. Karl Borromäus | 12.10.1871 | |
| Rosalia | ca. 1835 | 09.08.1839 | ||
| Aloisia Josepha | 23.04.1837 | Wien 04 St. Karl Borromäus | 11.07.1868 | |
| Joseph Franz | 10.07.1839 | Wien 04 St. Karl Borromäus | ||
| Rosalia Theresia | 15.03.1841 | Wien 04 St. Karl Borromäus | 16.11.1854 | |
| notgetauftes Mädchen | 04.06.1842 | Wien 04 St. Karl Borromäus | 04.06.1842 | |
| Carl Ludwig | 19.06.1843 | Wien 04 St. Karl Borromäus | ||
| Augustina Rosalia | 19.01.1845 | Wien 04 St. Karl Borromäus | ||
| Maximilian Ignaz | 01.09.1846 | Wien 04 St. Karl Borromäus | 07.01.1857 | |
| Henriette Auguste | 07.10.1848 | Wien 04 St. Karl Borromäus |
Bis auf die erstgeborene Maria Aloysia (Wieden Nr. 29) finden wir sämtliche Geburten an der Adresse Wieden Nr. 899. Und ebenso beständig wie der fortlaufende Kindersegen waren auch die Dienste, der Hebamme, Josepha von Vladar, die der Familie von Friedrich bis Henriette zur Seite stand und dafür stets den Weg aus der Josefstadt in den vierten Bezirk antrat.
Doch auch hier bescheren uns die auffindbaren Dokumente noch Rätsel, wie das Sterbebuch 10 von St. Karl Borromäus in Wien 4, wo wir am 11. Jänner 1854 den Tod der 63-jährigen„KRIEHUBER Theresia, Gastgebers hinterlassener Tochter und Armenstands-Pfründnerin“ auffinden – und zwar an der Anschrift Wieden Nr. 896 – also in unmittelbarer Nähe von Joseph & Maria Kriehuber. Die „Gastgebers-Tochter“ ist ein starker Verweis auf Johann Kriehuber, zwischen den Geburten von Johann Baptist (1789) und Johann Georg (1796) wäre genügend Zeit für die Geburt einer weiteren Schwester des Künstlers – doch im Jahr 1791 finden wir keine Tochter von Johann und Theresia – und ALLE ihre Kinder wurden in Maria Treu getauft.
Technologie-Verlierer
Während Kriehubers Stern als Porträtmaler zu steigen begann, dämmerte in Frankreich bereits die Geburtsstunde seines späteren Niedergangs. Louis Daguerre, setzte mit einem Kompagnon sehr erfolgreich Bild-, Licht- und Toneffekte in sog. Dioramen in Szene. Ab 1824 beschäftigte er sich damit, wie es gelingen könnte, die Projektionen einer camera obscura mit lichtempfindlichen Materialien aufzuzeichnen. Diese Vision erforderte einen langen Atem, denn es dauerte bis 1839, bis Daguerre das Verfahren, das er Daguerrotypie nannte, der französischen Akademie der Wissenschaften vorstellen konnte. 4)
Diese erste Technik der Fotographie erlangte sofort weltweite Bekanntheit, auch wenn die langen Belichtungszeiten einiges an Geduld bei den Kunden und der Umgang mit giftigem Quecksilber große Sorgfalt bei den Fotografen erforderten.
Das kleinere Format der „Carte-de-Visite“ erhöhte die Popularität und die Erfindung des Nassplattenverfahren mit Kollodium und Silberiodid durch Frederic Scott Archer reduzierte die Belichtungszeiten und die Gefahren für den Fotografen erheblich. Die Demokratisierung des Porträts hatte begonnen und sie sollte sich deutlich auf den wirtschaftlichen Erfolg Joseph Kriehubers auswirken.
Im Mai 1865 finden wir schließlich im „Central-Anzeiger“ der Wiener Zeitung die Eröffnung des Konkurs-Verfahrens gegen Joseph Kriehuber und seine Frau Marie.

Nach einer weiteren Konkurs-Nachricht im Jahr 1866 trennten den Künstler noch zehn Jahre von seinem Ableben am 30.05.1876, die er in Armut verbrachte. In einer Ausgabe der Allgemeinen Deutschen Biografie von 1883 liest sich das wie folgt: „Nach dem J. 1860 verringerte sich die Ergiebigkeit seines künstlerischen Schaffens. Die Erfolge der Photographie beeinträchtigten K. und der einst hochgefeierte Künstler wurde kaum so viel beschäftigt, daß er für sich und seine zahlreiche Familie sein Auskommen fand. „
Es scheint zu einem gewissen Grad unbegreiflich, dass ein bekannter und erfolgreicher Künstler, der mehrere tausend Porträts von gut situierten bis äußerst wohlhabenden Persönlichkeiten anfertigte, von denen man annehmen darf, dass sie bezahlt wurde, binnen weniger Jahre in den Konkurs geraten konnte.
Selbst eine gut besuchte Ausstellung konnte den wirtschaftlichen Erfolg nicht zurück bringen:
Die seit 12. d. im St. Anna-Gebäude eröffnete Kriehuber-Ausstellung erfreute sich bereits zu wiederholten Malen des Besuches von Mitgliedern des Hofes und ist überhaupt täglich von einem höchst distinguierten Publikum besucht. Vom 26. d. angefangen wird die Ausstellung durch eine neue Serie von Bildern bereichert.
ANNO – Neues Fremden Blatt – 24. März 1871
Auch zu seinem Lebensende hin blieben dem Porträtmaler weitere Schicksalsschläge nicht erspart. Im Juli 1868 verlor er seine Tochter Aloisia, drei Jahre später den ältesten Sohn Friedrich („Fritz“).
Zwischen der Adresse des Konkurses (Breite Gasse 8) und der Adresse des Ablebens (Breite Gasse 4 – die wir in der Sterbe-Matrik wie auch in der Todes-Anzeige wiederfinden) lag offensichtlich noch eine Übersiedlung – angesichts der Konkurse möglicherweise nicht mehr freiwillig, sondern ökonomischen Gründen geschuldet.
In seiner Todes-Anzeige finden wir noch einmal seine Gattin Marie Kriehuber, als geborene Forstner.
Das angesprochene, langwierige & schmerzhafte Leiden finden wir im Sterbebuch übrigens als „Brightsche Krankheit“, ein heute nicht mehr üblicher Begriff für Nierenfunktionsstörungen bzw. eine Nephritis.5)

Das Porträt geht neue Wege
Die Bedeutung seines Werkes mag für uns heute nicht mehr so unmittelbar greifbar sein, doch 1883 versuchte Karl Weiß sie uns mit diesen Worten nahe zu bringen:
Kriehuber’s Bedeutung als Künstler liegt darin, daß er in seinen Bildnissen der geistigen Individualität der darzustellenden Persönlichkeiten vortrefflichen Ausdruck gab und sich daher nicht blos auf mechanische äußere Aehnlichkeit beschränkte, erstere mit einer gewissen Vornehmheit ausführte und daß er seine Technik virtuos zu behandeln verstand. Er war kein Kunsthandwerker, sondern blieb bis an sein Ende ein Künstler im edelsten Sinne des Wortes.
Karl Weiß in: Allgemeine Deutsche Biographie, Band 17 (1883), S. 166–167
Auch Wurzbach schwelgte über diese Fähigkeit in dem ihm eigenen Pathos: „In der Lebendigkeit der Auffassung, in einem gewissen, jedem Porträte eigenthümlichen Zuge, in dem wir die Seele jedes Porträts, das K. vollendet, suchen würden, liegt der eigentliche Werth und der unsägliche Reiz seiner Bildnisse.“
Keine 20 Jahre nach seinem Ableben sollte die Fotografie mit den Vertretern und Vertreterinnen des Pictorialismus6) eine radikale Abkehr von den oft starren, allzu oft auf Status und Repräsentation bedachten Porträts früherer Zeit vollziehen. Die Entwicklung der Technik erlaubte kürzere Belichtungszeiten und damit eine spontanere und flexiblere Bildgebung. Die Techniken zur Entwicklung waren aufwändig und schufen einen großen Spielraum der vor allem mit Unschärfe und malerischen, weichen Tonwerten Gestaltung bis hin zu impressionistisch anmutenden Werken ermöglichte. Als Beispiele dafür seien Gertrude Käsebier, Alfred Stieglitz, Edward J. Steichen und Heinrich Kühn genannt.7)

Camera Work Nr.. 33 (1911)


Stieglitz wird mit dem Satz „You do not take a photograph. You make it.“ zitiert, der andeutet, dass er den wesentlichen schöpferische Akt nicht nur in der Komposition an sich sondern auch im „zu-Papier-bringen“, in der Drucktechnik gesehen hat.
Wer weiß, vielleicht hätte auch Joseph Kriehuber an den gestalterischen Möglichkeiten der neuen Technologie sein Freude gefunden?
- Kulturgut Wien – Historische Pläne
- Schöny: Kriehuber Josef. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL).
Band 4, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1969, S. 273 f. (Direktlinks auf S. 273, S. 274) - Constant von Wurzbach: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich – Wikipedia
- Wikipedia: Daguerrotypie
- Wikipedia: Richard Bright (Mediziner)
- Piktorialismus: Gemälde aus Licht und Dunkelheit | WELTKUNST
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