Sto Kuna oder Sto Korun, so habe ich im Urlaub das in vielen slawischen Sprachen gültige Zahlwort für „100“ wohl erstmals kennengelernt.

Und in irgendeinem verschlafenen Areal meines Großhirns schlummerte noch der Hinweis, dass der berühmte österreichische Maler und Künstler Friedensreich Hundertwasser seinen bürgerlichen Namen Stowasser aus dem Slawischen „eingedeutscht“ (oder sollte man sich doch zu dem Wortungetüm „eingeösterreichischt“ hinreißen lassen?) hatte.

Bei einer Kundenrecherche im böhmischen Rattiworz/Ratiboř, in der Pfarre Udritsch/Údrč gelegen, bin ich vor kurzem häufiger über den Namen Sto(h)wasser gestolpert.

So häufig, dass die erste Assoziation, die mir in den Sinn kam, mein altes Latein-Wörterbuch war – „Der kleine Stowasser“.

Generationen von Schülerinnen und Schülern war dieses lateinisch-deutsche Wörterbuch an humanistischen Gymnasien oder auf dem Weg zum Latinum wertvolle und häufig genutzte Hilfe und Unterstützung, notwendiges Übel oder manchmal auch beschwerlicher Ballast, den man lieber zu Hause ließ.

Pfarre Udritsch/Údrč – Index Taufen 1840-1883 – Lit.S

Der kleine Stowasser ist ein 1913 entstandenes Schulwörterbuch, das von Dr. Michael Petschenig nach dem Vorbild des von Josef Maria Stowasser im Jahr 1894 verfassten „großen“ Buches „Der Stowasser“ erstellt wurde. 1) 2)

Hundertwasser gestaltet den Stowasser

In einer Diskussion mit meinem Vater, ebenfalls humanistisch vorbelastet, kam dann auch der mögliche Bezug zwischen Stowasser und Hundertwasser ins Gespräch.

Wir waren natürlich nicht die ersten, die diese Spekulation anstellten – und genährt wurde die Vermutung, Hundertwasser sei ein Nachkomme Stowassers, wohl durch die Tatsache, dass Hundertwasser den farbigen Einband einer Jubiläumsausgabe des kleinen Stowasser gestaltet hatte. So findet sich diese Behauptung auch in einem ansonsten sehr guten Artikel in den Oberösterreichischen Nachrichten aus dem Jahr 2010.

Den attraktiven Einband in farblich unterschiedlichen Variationen gestaltet der Künstler Friedensreich Hundertwasser, der als Nachfahre des Wörterbuch-Schöpfers zunächst Friedrich Stowasser hieß. Die erste Namenssilbe „sto“ bedeutet in vielen slawischen Sprachen „100“. 4)

„Stowasser: Ein Name steht fürs Wörterbuch“, Oberösterreichische Nachrichten, 20. März 2010

Doch schon ein Blick auf die Wikipedia-Seite von Josef Maria Stowasser zerstörte alle diesbezüglichen Illusionen. Hundertwasser wird darauf zitiert wie er diese Abstammung bestreitet.

Mein Großvater hieß Wenzel Stowasser und kam in jungen Jahren aus dem Gebiet der heutigen Tschechoslowakei nach Wien. Mein Vater hieß Ernst Stowasser, wurde in Wien geboren und starb 1929. Ich glaube nicht, dass ich ein naher Verwandter des Altphilologen und Wörterbuchautors bin.“

Friedensreich Hundertwasser, Brief vom 24. August 1988 3)

Doch auch Stowassers Vorfahren stammten „aus dem Gebiet der heutigen Tschechoslowakei“ – das alleine wäre also noch kein Ausschlussgrund. Hundertwassers Verneinung einer Verwandtschaft wurde allerdings mit dem Taufbuch-Eintrag seines Vaters Ernst untermauert, der diesen als gebürtig in Zettlitz in Böhmen ausweist, während Stowassers Familie aus Mährens stammte.

Doch würde man vielleicht eine gemeinsame Abstammung finden, wenn man ein paar Generationen weiter in die Vergangenheit blickt?
Meine Neugierde war geweckt.

Im Irrgarten der S-Schreibweisen

Pfarre St. Josef zu Margareten – Taufbuch 72 – p.5 (Auszug)

Bemerkenswert im Taufbuch-Eintrag der Pfarre St. Josef zu Margareten ist eine im Jahr 1894 verfasste Notiz zum Nachnamen, in der nach Angaben des Magistrats Wien festgehalten wurde:

„Der Zuname des Vaters und des vaterlichen Großvaters lautet richtig ‚Stowasser‘ / nicht ‚Stowaſser‘

Diese Richtigstellung klärt eine Unterscheidung, die uns heutzutage kaum mehr geläufig ist.

Der Name schreibt sich also korrekt mit einem doppelten runden s , nicht mit der Kombination „ſs“ aus langem und runden s, die im 18. Jahrhundert noch durchaus gängig, im 19. Jahrhundert aber langsam im Abstieg war und immer mehr durch das ß verdrängt wurde, das aus sich aus der Ligatur von „ſs“ entwickelt hatte.

Vor dem 19. Jahrhundert fand das heute üblich runde s, zumeist aufwärts geschrieben, nur am Wortende (oder als Ende eines Teil-Wortes) Verwendung. Am Wortbeginn oder im Wort selbst war das lange ſ üblich, wodurch sich Schreibweisen ergaben, die für Lesende des 20. + 21. Jahrhunderts ungewohnt und verwirrend sein können, wie Waſſer, Poſtamt, Gaſtſtätte. Beim Druck wurde zwischen Fraktur und Antiqua unterschieden – während in Frakturschrift z.B. Fluß mit scharfem s gedruckt wurde, wurde in Antiqua Fluſs geschrieben.

Wir finden eine ähnliche Diskussion um die Schreibweise des Namens übrigens auch bei Johann Strauss. Bei Stowasser wurde allerdings das in Kurrent oft ident zu „hs“ geschriebene lange s vom Magistrat verneint – es hieß also eben nicht Stowaſser oder Stowahser (das heute wohl zu Stowaßer umgewandelt würde), sondern Stowasser.

Die Nachkommen der Familie Strauss dagegen interpretieren das „hs“ als Verdopplungszeichen, bewerten die Unterschrift„Strauhs“, die auf manchen Notenblättern zu finden ist, also nicht als Strauſs, und damit als Indiz für die Schreibweise Strauß, sondern beharren darauf, dass damit Johann Strauss gemeint sei und der Walzerkönig selbst ebenfalls immer seinen Namen mit Doppel-s geschrieben sehen wollte.

Sei es wie es sei. Bei Wenzel Stowasser scheint es, als könnten wir rasch feststellen, wo die Unsicherheit herkommt. Immerhin finden wir bei der Trauung seiner Eltern in der Pfarre Gumpendorf im August 1893 beide Schreibweisen des Namens in einem Eintrag.

Pfarre Gumpendorf, Wien 6, Trauungsbuch 62, p.65 (1893)
Pfarre Zettlic (Sedlec), Trauungsbuch 5, p.39 (1868)

Doch auch in der Generation davor finden wir das gleiche Bild. Hundertreichs Urgroßvater Anton Stowasser heiratete im Jahr 1868 in der Pfarre Zettlic (Sedlec) die Gastwirtstochter Anna Schwengsbier. Und auch bei seiner Trauung finden wir einleitend seinen Namen als Stowahser (Stowaſser) Anton, den seines Vaters Andreas allerdings klar erkennbar als Stowasser.

Der Apothekersproß

Wenden wir uns dem Lateiner zu. Der Geburtsort von Joseph Maria Stowasser war Troppau, und 360 km Luftlinie wirft mir Google Earth als Distanz zwischen Troppau (Opava) und Karlsbad (Karlovy Vary) aus. Eine erhebliche Distanz im Jahre 1854, dem Jahr seiner Geburt. Und doch strömten mit Beginn des 19. Jahrhunderts Hunderttausende aus allen Winkeln der habsburgischen Kronländer und den entlegensten Rändern des Vielvölkerstaates nach Wien. Es wäre also wohl doch eine überwindbare Entfernung gewesen.

„Er kommt in Troppau (Österreichisch-Schlesien/ heute Tschechien) als Sohn eines Apotheken-Provisors zur Welt“,
schreibt die OÖN korrekterweise – und liefert dankenswerterweise die Information mit, dass damit die Rolle eines Stellvertreters des Apothekers gemeint und verbunden war.

Bei der Geburt seines älteren Bruders Eugen Sigmund Josef im Jahr 1853 wird einiges Interessantes festgehalten. Zum einen wird eben jener Beruf des Vaters dokumentiert, wir erfahren auch, dass er in der Apotheke zum Mohren tätig war. Zum anderen erkennen wir die gerne gepflogene Tradition, der männlichen Vornamen in direkter Linie weiter zu geben.

Beim Bruder unseres Lateiners hatte man kreativerweise vom väterlichen Sigmund Eugen Stowaſser auf die vielleicht modernere Interpretation Eugen Sigmund Josef geschwenkt. In der Generation zuvor musste die dezente Abwandlung von Eugen Johann Stowasser ausreichend sein. Wie bei ihren böhmischen Verwandten gibt es auch hier die beiden Schreibeweisen in einem Taufbucheintrag.

Pfarre Troppau – Taufbuch 21 – p.124

Der Dienstort des Vaters, die Mohrenapotheke, lag auf dem „Zwischenmärkten“ genannten Straßenabschnitt (Mezi Trhy) zwischen dem Oberen Ring und dem Niederen Ring. Auf alten Postkarten und Fotografien ist das gelbe, sog. maurische Herrenhaus mit den Köpfen von Pallas Athene und Ares sowie zweier maurischer Frauen am Giebel gut erkennbar.

Franciszäischer Kataster – Stadtzentrum Troppau
Staraopava – MeziTrhy

Nach längerer, vergeblicher Suche nach der Trauung von Sigmund Eugen und Anna Kunz stoße ich auf die Geburt von Sigmund Eugen, Sohn der ledigen Anna Kunz am 23.03.1849. Als Eintrag zum Vater wurde vermerkt: „Zu diesem Kinde erklärt sich als Vater und verlangt als solcher vor dem Protocollführer […] in die Matrik eingetragen zu werden. Sigmund Stowaſser, Provisor in der Mohren Apotheke in Troppau, Sohn des Sigmund Stowasser, Häusler in Hennersdorf“.

Noch hilfreicher wird es allerdings in der letzten Spalte, die mir mit den Worten „Legitimatum per subsequens matrimonium initum Fulneca 27 Octobris 1851“ den direkten Verweis zur nachträglichen Trauung liefert. Fulnek ist ein dankbarer Ort, weil es in allen Sprachen gleich genannt wurde, ganz im Unterschied zu Hennersdorf, woher die Stowassers zu kommen scheinen.

  • Hennersdorf bei Wien? Unwahrscheinlich.
  • Hennersdorf / Dolní Branná, das 200 km entfernt nahe des Skiortes Spindlermühle am Fuße des Riesengebirges liegt? Auch sehr weit entfernt.
  • Jindřichov bei Krnov, nur wenige Kilometer von der polnischen Grenze entfernt? Am Naheliegendsten.

Doch zuerst nach Fulnek, 30 km südlich von Troppau, wo wir die Trauung letztlich auch finden.

Pfarre Fulnek, Trauungsbuch 27 – p.62 (1851)

Wir sehen die Weitergabe des Vornamens Sigmund bestätigt und Hennersdorf als Herkunft der Familie Stowasser. Zeit also, das richtige Hennersdorf zu finden. Natürlich wäre es spannend, an dieser Stelle eine interessante Suche nach dem Ort zu präsentieren, doch in aller Regel darf man davon ausgehen, dass die Mobilität der meisten Menschen limitiert war und dass daher der nächstgelegene Ort mit dem korrekten Namen auch der richtige ist. Irreführend ist es zumeist, wenn ein wesentlich bekannterer Ort gleichen Namens etwas weiter entfernt liegt. In diesem Fall besteht die Gefahr, lokale Ortsteile mit dem korrekten Namen zu übersehen.

Im vorliegende Fall gilt die Regel, nicht die Ausnahme. Die nächsten Vorfahren der Familie Stowasser stammten aus dem heutigen Jindřichov bei Krnov. Die Taufbücher der Pfarre Hennersdorf zeigen uns die Geburten von zumindest 5 Kindern von Sigmund und Theresia Stowasser, und ihre Trauung im Jahr 1809 verrät uns, dass Sigmund aus dem schlesischen Giersdorf abstammt und Theresia aus dem mährischen Freiwaldau (Freiwaldov).


Ab wann ist man nicht verwandt?

Die Suche nach den Stowassers in Schlesien führt uns zum einen in ein neues Suchgebiet, wo die Matriken wieder in anderen Archiven gesucht werden müssen, zum anderen aber auch weiter nach Osten, also immer weiter weg von den Vorfahren von Friedensreich Hundertwasser.

Mit den bestehenden Recherchen konnten wir den Betrachtungszeitraum um ca. hundert Jahre ausdehnen. Wenn es also gemeinsame Vorfahren zwischen dem Künstler und dem Lateiner gibt, dann müssen sie wesentlich weiter in der Vergangenheit liegen.

Biologisch gesehen gibt es eigentlich keine Grenzen für Verwandtschaft, egal wie viele Generationen ein gemeinsamer Ursprung zurück liegen mag. In der umgangssprachlichen und rechtlichen Praxis wird der Begriff der Verwandtschaft aber kaum über den 4. Grad (Cousinen/Cousins) hinaus verwendet5). Wenn also nicht einmal gemeinsame Urgroßeltern gefunden werden können, dann dürfen wir nach normalem Ermessen auch davon ausgehen, dass zwischen den beiden tatsächlich keine Verwandtschaft vorliegt.

Der Ursprung der Familie Stowasser

Doch wenn wir einen gemeinsamen historischen Ursprung annehmen, wo könnte er zu finden sein? Bei genauerer Recherche finden wir Interessantes zum Namen Stowasser. Das Forum OÖ Geschichte verweist die Interpretation, dass das „Sto“ im Namen Stowasser auf das Zahlwort „Hundert“ verweisen würdeins Reich der Mythen.

Der Künstler, der seinen Familiennamen „Sto-wasser” in zwei Bestandteile zerlegte, übersetzte den ersten Teil ins Deutsche (in den slawischen Sprachen bedeutet sto „hundert”) und gewann so seinen Künstlernamen. Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit handelt es sich aber beim Namen „Stowasser“ um eine Herkunftsbezeichnung: „Stabosser“ (oder „Stobosser”) hießen die aus der – bis 1945 bestehenden – bäuerlichen Siedlung Stabossen (bei Mühlessen nordöstlich von Eger; heute: Milhostov bei Cheb) stammenden Sudetendeutschen

Forum OÖ Geschichte – Zwei Mythen…6)

Die Heimat-/Familienforschung im Egerland bzw. im Sudetenland bietet uns noch detailliertere Interpretationen über die Herkunft des Namens.

In Egerer Urkunden wird die Örtlichkeit 1301 als „villa stopico“, 1392 und 1395 als „Stabossen“ bezeichnet, so auch 1401 und 1450. Im Jahre 1626 wird erstmalig die Bezeichnung „Stobitzerhof“ angeführt.
[…]
Der Version von Schwarz und Profous schließt sich auch Willibald Roth in seinem Beitrag in Schreiners Heimatbuch über Stadt und Kreis Eger an und ergänzt: „STOBITZHOF, mundartlich ‚Schtåuwatshuaf‘, schon die ersten Schreibungen wiechen voneinander ab, meinen aber die gleiche Aussprache: 1392 und 1395 ‚Staboßon‘ im Kreisheimatbuch, ‚Stobaßen‘ bei Sturm (Distr. Egr.), ‚Staboßen‘ bei Fischer. Alle drei Formen müssen zu der Zeit ‚Schtåuwasn‘ (aus slaw. ‚Stobošín‘) ausgesprochen worden sein, oder besser, sie sind Rückbildungen für die Schrift aus einer Mundartform“. Daraus wurde der Haus und Familienname ‚Schtåuwas‘,’Schtåuwats‘ gebildet, der in die Schrift mit ‚Stobitz‘ übernommen wurde.
7)

Die Übersichtskarten der Franziszäischen Landesaufnahme zeigen uns Mühlessen (Milhostov) nur wenige Kilometer entfernt von Königsberg und Franzensbad, mit einer kleinen Ansammlung von Häusern etwas nördlich davon, deren Beschreibung etwas schwer lesbar ist und etwas mehr wie „Hobitzhof“ aussieht denn als „Stobitzhof“.

Doch in den Detailmappen des Franziszäischen Katasters können wir sehr klar den Weiler Stobitzhof / Stabossen erkennen.

Franziszäischer Kataster – Mühlessen (Milhostov) – Ausschnitt Stobitzhof

Der Name der Familie Stowasser stammt also aus dem Egerland bzw. dem Elbogener Kreis. Ein Stowasser hatte es schon recht früh zu Amt und einem böhmischen Adelsprädikat gebracht. Ein Johann August Stowasser erhielt 1668 einen Adelsbrief und wurde 1687 in seinem Adelsstand durch Leopold I. 1687 bestätigt – offenbar für tapferen Einsatz bei der Verteidigung gegen die Türken. 8)

„Hat Eyfrige Dienste zu Nutzen des Vaterlandes im jüngsten Türkischen Einfall geleistet, indem er nemlich nicht allein etliche Türkhen und Tataren im freien Veldt erleget, sondern auch als er nach empfangenen 3 gefährlichen Wundten gefangen, zweymahl verkauffet und endlichen durch den Wallachischen Fürsten widerumb erlöset worden, noch andere 38 Christliche Sklaven erröttet, nicht weniger von beiden feindtlichen confoederierten Wallach undt Moldauischen Fürsten sonderbahre geheime Botschaft zurückgebracht.“

Doch auch zu diesem Vertreter des Namens gibt es bislang weder einen Bezug vom Lateiner Stowasser noch von der Familie des Künstlers Hundertwasser.

Die Stowassers dürften sich von ihrem Stammhof aus im umliegenden Raum verbreitet haben. Auf den Egerländer Forschungsseiten werden etliche Vorkommen dieses Namens östlich von Mühlessen erwähnt:

Das Untertanenverzeichnis aus dem Jahr 1651 weist – nach den Umwälzungen des 30jährigen Krieges eine Häufung der Stowasser-Familien in der Herrschaft Hartenberg auf (F: Familie; #: Einzelperson):

  • Hartenberg 1 #
  • Gossengrün: 2 F
  • Loch: 2 F
  • Plumberg: 3 F, 1 #
  • Werth: 2 F
  • Robesgrün: 1 F, 1 #

Die Suche nach den Vorfahren von Friedensreich Hundertwasser war in Janessen (Jenisov) bei Zettlitz (Sedlec) ins Stocken geraten. Aufgrund des Hinweises zu Ursprung des Namens hatte ich daher die Suche schon nach Westen ausgedehnt, jedoch ohne Erfolg.

Ein zufälliger Fund in einem der Genealogieportale führte mich jedoch zu einem Martin Stowasser, der am 08.06.1826 in der Alservorstadt eine Barbara Bachler geheiratet hatte. Seine Eltern: Matthes Stowasser und Anna Maria Dörfler aus Plumberg in der Pfarre Gossengrün – genau die letzten Vorfahren, die ich in Janessen noch identifizieren konnte! Es handelte sich also um einen Bruder von Hundertreichs Ururgroßvater.

Damit liegt die Herkunft der hundertwasserschen Vorfahren in Gossengrün und später Zettlitz bei Karlsbad sehr nahe am Ursprung des Familiennamens, deutlich näher als die mährischen Vertreter zu finden sind.

Pfarre Gossengrün (Krajková) – Trauungsbuch 3 – p.146

Aus der Trauung von Matheus (und auch der seines Bruders Johann Anton) erfahren wir, dass er seine Familie in Plumberg (südwestlich von Gossengrün) gegründet hatte, die Eltern jedoch aus dem kleinen Dorf Liebenau, nordwestlich davon gelegen, abstammten.

Und auch die Stowassers in dem von mir beforschten Rattiworz (Ratiboř), in der damaligen Herrschaft Udritsch (Údrč) gelegen, sind weniger als 50 km Luftlinie von Mühlessen entfernt.


Bei einem Namen, der anscheinend auf eine sehr lokalspezifische Ortsbezeichnung zurückgeht, erscheint es durchaus denkbar, dass dieser Name nicht an fünf weiteren Orten ebenfalls unabhängig geprägt wurde. (anders als bei den unzähligen Familiennamen, die auf Funktionsbezeichnungen zurückzuführen sind)

So bleibt es durchaus im Rahmen des Möglichen, dass auch zur mährischen Familie des Lateiners Stowasser Vorfahren aus dem Egerland gefunden werden könnten.

Doch den wirklichen Zusammenschluss bzw. gemeinsamen Ursprung zweier Familien gleichen Namens zu finden scheitert – wenn er nicht nur wenige Generationen oder Jahrzehnte zurückliegt – zumeist an fehlenden oder kaum mehr zu ermittelnden Quellen.

In Gossengrün, auf der böhmischen Seite, wäre dieses Unterfangen vielleicht noch bis ca. 1643 verfolgbar – zumindest existieren in der Gegend Trauungsbücher aus dieser Zeit, bei den Taufbüchern könnte es sogar noch bis 1616 zurück gehen.

Doch auf der mährischen Seite gestaltet sich schon der nächste Schritt herausfordernd – von den mährischen Matriken in Hennersdorf den Schritt über die Grenze zu den schlesischen Kirchenbüchern zu schaffen. Und der Weg von Schlesien ins böhmische Gossengrün ist weit…


  1. Wikipedia: Joseph Maria Stowasser – Wikipedia
  2. Wikipedia: Der kleine Stowasser – Wikipedia
  3. Wikipedia: Joseph Maria Stowasser – Wikipedia, ebd.
  4. OÖN: Stowasser: Ein Name steht fürs Wörterbuch | Nachrichten.at
  5. Wikipedia: Verwandtschaftsbeziehung
  6. Forum OÖ Geschichte: Zwei Mythen um Stowasser – Hundertwasser
  7. Gerhard Pecher: Stowasser – ein Egerländer Familienname und seine Ableitung vom Stobitzhof
  8. Wikipedia: Stowasser
  9. Bildmaterial:
    • Portrait Friedensreich Hundertwasser, 1989, Zündel Rudolf
    • Kuchelbauer Turm, 2013, Heribert Pohl
    • „Der kleine Stowasser“, 1913, J.M. Petschenig, Tempsky & G. Freytag Verlag

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1 Gedanke zu „100 Wasser? Der Lateiner Stowasser und der Künstler Hundertwasser“

  1. Na interessant, der Grossvater von 100wasser war porzellanmaler.

    Auch sonst fand ich den blog spannend, schon weil familie aus Freiwaldau habe (das übrigens schon in Österreichisch Schlesien lag. Jetzt in Mährisch-Schlesien).

    Gruss Brigitte

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